Tokyo Scramble im Test: Dinos in der Technik-Steinzeit

Am 5. Februar wurde im Zuge der Nintendo Direct Partner Showcase das von Binary Haze Interactive entwickelte Dino-Survival-Puzzle-Actionspiel Tokyo Scramble angekündigt. Heute erschien es exklusiv für die Nintendo Switch 2 digital im Nintendo eShop. Es nimmt 15,2 GB Speicherplatz ein und schlägt mit 29,99 € zu Buche.

Dies ist ein Gast-Artikel von Ruben Esch, Redakteur des Big-N-Club e.V.

Die Macher der gut spielbaren Metroidvanias Ender Lilies: Quietus of the Knights und Ender Magnolia: Bloom in the Mist (→ zu unserem Testbericht) versuchen im breitgefächerten Survival-Genre mit eigenem Puzzle-Konzept sowie Dinos herauszustechen.

Zwischen Jurassic Park und Teenie Drama

Das hätte man nicht während des täglichen U-Bahn-Fahrens in Tokyo erwartet. Unsere junge Heldin Anne überlebt gerade so einen Unfall, während sie sich eigentlich mit Freunden treffen wollte. Verschiedene U-Bahnschächte stürzen gleichzeitig ein und legen einen noch tieferen Untergrund frei. Kein Problem für unsere Schülerin, denn direkt in der ersten Spielminute trifft sie auf ihren ersten Dino – diese nennt sie aus einem selten dämlichen Grund Zinos – der sie liebend gerne verspreisen würde. Das lässt sie nach kurzem Schreck doch direkt kalt und sie durchstreift diese unwirkliche Welt, angelehnt an verschiedene Bereiche der japanischen Hauptstadt, um wieder an die Oberfläche zu gelangen. Diese sind in einzelne, teilweise sehr kurze Minikapitel unterteilt und können je nach Asset Piece eine teilweise sehr beklemmende, fast schon unheimliche Atmosphäre versprühen.

Beine in die Hand!

Leider zerstört das grausame Writing in Tokyo Scramble mir dauernd diese Immersion. Die Frage, woher die Urzeitwesen kommen oder warum das Unglück passiert, wird euch kaum bis gar nicht zufriedenstellend vorgetragen. Dazu kommt der Schüler-Gruppenchat mit Annes Freunden, den sie in der Regel einmal zum Start eines neuen Levels (dort hat sie nur Empfang) abruft, welcher dermaßen deplatziert und dämlich geschrieben ist, dass ich mich manchmal frage, ob ich hier gerade vor einem anderen Spiel sitze. Da gibt es pubertäre Dramen, Zickereien, angedeutete Liebeleien… Und das alles in einer gefühlt halbzerstörten Stadt? Scheint kaum einen in diesem Chat zu interessieren, denn selbst unsere Heldin nimmt diese lebensbedrohliche Situation erstaunlich locker auf.

Ob dies alles augenzwinkert gedacht ist oder nicht, kann mein Verständnis von dem Eintauchen in Videospiele nicht ergründen. Trotzdem zieht es einen immer wieder aus der Welt heraus und zerstört jegliche Glaubwürdigkeit.

Das Bild zeigt einen Chat-Verlauf in Tokyo Scramble.
Der Chat ist zum Wegklicken…

Ein A-Ranking für Dinoabwehr In Tokyo Scramble!

Spielerisch ist Tokyo Scramble eher leicht arcadig und auf gaming-on-the-go angepasst, denn die einzelnen Level sind meist sehr kurz und bestehen aus ein bis zwei Gebieten. Beim Erreichen des Zieles wird man auch noch Bayonetta-mäßig bewertet bezüglich geleisteter Nebenaufgaben, benötigte Zeit oder auch Anzahl der Tode und bekommt ein klassisches S-D Ranking. Abzug wegen Tode? Richtig, denn das Puzzle-Konzept in diesem Survival-Game fußt recht stark auf das Trial-and-Error-Prinzip. Heißt, ihr werdet definitiv sterben – viel sterben. Bekommen euch die Monster zu fassen, seid ihr sofort tot, einen offenen Kampf gibt es so nicht und so müsst ihr bei Entdeckung durch die Zinos eure Gadgets (dazu später mehr) oder die Füße in die Hand nehmen.

Du wirst bewertet!

Ihr schleicht euch die meiste Zeit durch die Gebiete, um den Blicken oder Gehören der Gegner zu entgehen. Das funktioniert mal mehr oder weniger gut, denn normalerweise motivieren nachvollziehbare Tode zum Weiterspielen, da man aus den Situationen lernt und es besser macht. Jedoch scheint es noch ein paar Probleme bei der Gegner-KI zu geben. Ich wurde des Öfteren von Zinos entdeckt, obwohl ich ganz klar versteckt war und nicht gesehen werden konnte. Andersrum konnte ich an einem Reptil auch einfach mal vorbeigehen, da scheinbar das Erbsengehirn ganz ausgesetzt hat. Das sorgt bei sicherlich vielen Spielern für Frust bereits in der ersten Spielstunde. Da helfen auch zwei Schwierigkeitsgrade wenig, wenn Tokyo Scramble bereits auf dem „leichteren“ bockschwer ist. Hier sollte man in Zukunft einen Patch vorbereiten.

Man bewegt sich meist schleichend…

In Sport eine 6

Werdet ihr entdeckt, kommt ein weiterer Survival-Aspekt zur Geltung: die Pulsanzeige. Diese steigt, sobald ihr normal joggt und steigt rasant an beim Rennen. So schnell, dass diese Mechanik ebenfalls zum flotten Freitod führt. Denn die junge Heldin in Tokyo Scramble hat eine Ausdauer eines übergewichtigen Mitt-50ers, weshalb ihr selbst bei einem kurzen Sprint oft kollabierend stehen bleibt und das Gebiet wieder neu startet. Deshalb bewegt man sich meist eher gähnend langsam durch die Level und versucht immer kurzzeitig die letzten fünf Meter mit 160 Puls zu überbrücken. Gut, dass die Checkpoints fair und reichlich gesetzt sind, weshalb man kaum Fortschritt verliert. Aber man kann sich wenigstens noch anders erwehren.

Tokyo Scramble: Die App ist mit dir

Wie es sich für einen modernen Teen gehört, wird alles per Smartphone erledigt. So auch die defensiven sowie offensiven Mittel, um sich den Kaltblütern zu ehrwehren. Ihr schaltet im Spielverlauf immer neue Apps frei, die verschiedene elektrische Geräte in unmittelbarer Umgebung steuern. So könnt ihr Zinos mit herabfallenden Aufzügen plätten, mit Baggern Dino-Weitwurf betreiben oder auch Alarme auslösen, um Chaos zu stiften. Sollte euch trotzdem ein Exemplar am Zopf hängen, habt ihr einmalig die Möglichkeit, per Lichtblitz diese kurzzeitig zu betäuben. Diese Fähigkeit muss aber an Ladestationen wieder aufgeladen werden.

Die Hauptfarbe ist grau/braun

Die Möglichkeiten werden immer größer, machen Spaß und motivieren zum Weitermachen, wenn man dem möglichen Frust standhält. Auch die Gegner tragen etwas dazu bei. Es gibt hier einige, sehr verschiedene Typen zu besiegen. So sind die einen flink, die anderen hören besonders gut oder können aufgrund ihrer Größe weit sehen. Durch die Kombinationen im späteren Spielverlauf ist die Herausforderung meist immer etwas anders, wenn auch monoton. Trotzdem sind sie das Aushängeschild und Highlight des Spieles. Zwischendurch gibt es auch noch einen Helfer an die Hand bzw. „Kletterpassagen“, die das Dino-Allerlei etwas frisch halten.    

Grafik von vorgestern

Spiele ich ein Switch 2-Spiel?

Technisch hatte ich bei Tokyo Scramble durchgehend das Gefühl, ein älteres Switch 1- oder Wii(U)-Spiel zu spielen. Viele Texturen sind Pixelmatsch, allgemein ist die Detailvielfalt eher gering, auch wenn es in manchen Gebieten positiv optische Ausreißer gibt. Der Grundton bleibt aber eher „braun/grau“ – und das durchgehend. Dazu ist der Detailgrad gering, denn bereits wenige Meter vor einem bewegen sich die Gegner in verminderter Framerate, was zu stockenden Bewegungen führt. Und trotzdem läuft das Spiel nicht sauber, man muss ebenso hier und da mit Rucklern rechnen. Man merkt, das entweder Budget gefehlt hat oder die Entwickler mit der eigentlich modernen Unreal Engine überfordert waren. Dass mehr geht, hat man trotz bislang kurzem Lebenszyklus der Switch 2 schon mehrfach gesehen. Der einzige Lichtblick sind die sehr schick designten Gegner und ihre tollen Animationen (in nächster Nähe), die menschlichen Figuren wiederum fallen mit weniger Details und schwächeren Bewegungen ab.

Die Gegner-Designs sind erste Klasse!

Hörst du sie schmatzen?

Dafür kann man bei der Soundkulisse in Tokyo Scramble absolut nicht meckern. Diese ist solide, in den Soundeffekten sogar teilweise sehr gut. Die Zino-Geräusche lassen einem je nach Art das Blut gefrieren, wenn sie nur eine Wand vor dir grausige Rufe oder fieses Knurren von sich geben.

Fazit zu Tokyo Scramble

Pros:

  • Coole App-Mechanik
  • Die Zinos sind abwechslungsreich
  • Dank kurzer Level ideal fürs Handheld-Gaming

Cons:

  • Sehr schwache Technik
  • Frustrierendes Gameplay
  • Grausames Writing, keine glaubwürdige Welt

Eine eigentlich sehr coole Idee, nur leider schwach umgesetzt. Das vorhandene Potenzial von Tokyo Scramble wird durch frustrierendes Gameplay, hanebüchenes Writing und sehr schwacher Technik fast im Keim erstickt. Daraus wird ein maximal mittelmäßiger Switch 2-only-Titel, der mehr Entwicklungszeit gebraucht hätte.

Das Testmuster wurde uns von Zebra Partners zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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