System Shock im Test: Schockt’s oder rockt’s?

Die Nightdive Studios haben wieder zugeschlagen! Das 8,2 GB große System Shock (Remake) ist inzwischen endlich auch für die Nintendo Switch und Switch 2 im eShop für 39,99 € erhältlich. Eine offizielle Retailfassung ist derzeit nicht geplant.

Da war doch mal was…

Der ein oder andere wird sicherlich schon von System Shock gehört haben, gerade den älteren Semestern wird der Titel als „Seiner Zeit voraus Rollenspiel-/ First-Person-Shooter-Fusion“ noch in wohliger Erinnerung sein. Ein riesiger kommerzieller Erfolg war der Titel jedoch nicht. Aufgrund der anspruchsvollen Steuerung, des mitunter undurchsichtigen Spielverlaufs und teils verwirrenden Gameplays hat es das Spiel zum Release im September 1994 nicht einfach gehabt.

Habt ihr richtig gelesen, 1994? Ja, System Shock ist bereits vor über 30 (!) Jahren auf den Markt losgelassen worden. Und eine vergleichbare Verschmelzung von Actionsimulation mit gleichzeitig anspruchsvollen Genre-Anleihen aus dem Rollenspieluniversum hat es in diesem Umfang, in dieser Art bis dato noch nicht gegeben. Im Release-Jahr von Doom 2, Rise of the Triad (→ zum Testbericht des Remakes) und Heretic bediente nur letztere Mittelalterkeilerei einen Hauch von dezenten Rollenspielanleihen, die über das bloße Abknallen von Gegnerhorden, einsammeln von Schüsseln und der Suche nach dem Levelausgang hinausgehen. Zumindest, wenn wir an dieser Stelle mal beide Augen zudrücken. Ganz, ganz fest.

Auf diesem Bild des Spiels System Shock sind ein Roboter und ein Hammer in der rechten
Hand zu sehen.
Dieser Möchtegern-R2-D2 hat ausgedient

System Shock war ein Kulturschock

Und dann kam System Shock. Auf einen derart anspruchsvollen Spielablauf, knallharte Actioneinlagen und etwas überladenes Interface schien die Spielerschaft irgendwie nicht ganz vorbereitet und gab dem Titel selten die Chance, die er verdient hatte. „Lahmer Shooter!“, entfiel es so manchem Gamer, war er doch bislang nur an die bereits erwähnten, straighteren Titel und deren Spielfluss gewohnt. Doch System Shock wollte nicht einfach „so viel mehr“ sein, sondern war es tatsächlich auch. Das schien nicht so recht zu der bisherigen Ausrichtung an Schießbuden mit Science-Fiction-Setting und düsterer Atmosphäre zu passen. Gerne wird bei kommerziell schwächelnden Produkten von einem Missverständnis gesprochen, was lediglich einen unausgesprochenen Flop beschönigen soll.

Denn wer einen schnellen First-Person-Shooter im Raumschiff erwartet, wird tatsächlich ziemlich enttäuscht sein. System Shock will aber gerade das auch gar nicht sein, sondern bietet mehr von allem, und das über mehrere Tellerränder hinaus.

Auf diesem Bild des Spiels System Shock sind zwei Firmenlogos zu sehen.
Die verantwortlichen Studios im Spielintro… sieht man auch nicht alle Tage!

Unterwegs über spielerische Stöcker und Steine?

Für wen ist dieser Genre-Mix denn dann? Heutzutage kann die Frage recht einfach beantwortet werden, da es quasi alles schon gab – die brutalsten Shooter, die besten Outta-Space-Erfahrungen, die schnellsten Ballerbuden und die umfangreichsten Rollenspiele. Vor Erscheinen des ersten, so richtig erfolgreichen Mainstreamprodukts dieser Art namens Deus Ex im Jahr 2000 sah das aber ganz anders aus. Die angesprochene Spielerschaft musste offen gegenüber neuen Ausrichtungen und Konzepten sein, die gleichzeitig mit einer nur leicht durchschnittlichen Technik und generell wenig Bombast auskam. Alles andere als eine leichte Aufgabe!

Und doch schaffte es System Shock, eine treue, nicht unerhebliche Fanbase um sich zu scharen. Aus der Neugier heraus, quasi über Mund- und Printmedienpropaganda, wuchs der Zuspruch. Langsam, aber stetig. Schlussendlich so stetig, dass ein zweiter Teil im August 1999 nach langer Entwicklungsphase (damals war es üblich, dass höchstens 2-3 Jahre nach dem Erstling ein
weiterer Ableger fertigproduziert wurde) das Licht der Welt erblickte. Mit System Shock 2 war der
geistige Vater der Bioshock-Reihe (ab 2007) geboren und wurde seither für ebendieses Franchise
als erfolgreiches Fundament genutzt. Jeder, der also mit anspruchsvollen Shootern ohne viel Story-Schnickschnack und Zwischensequenzen im Retrogewand was anfangen kann, ist hier goldrichtig!

Auf diesem Bild des Spiels System Shock ist ein steriles Badezimmer zu sehen.
Hygiene halb und halb: Zähneputzen geht nicht, duschen schon

Aber…

Dennoch sollte man sich den extrem reduzierten oder besser gesagt kaum vorhandenen Komfortfunktionen bewusst sein. Man muss schon richtig Bock auf Erkundung haben und sich dabei stundenlang in engen, labyrinthartigen Gängen wohlfühlen. Es gibt keine Questmarker, arbeitet also nicht stoisch Ausrufezeichen für Ausrufezeichen ab, sondern muss sich schon gut und selbstständig orientieren können. Wobei „selbstständig“ wortwörtlich zu nehmen ist, denn System Shock bietet eine ausladende, aber reine Singleplayer-Erfahrung. Dass die Gegner teils respawnen, sollte an dieser Stelle zumindest auch Erwähnung finden. Mich persönlich stört sowas immer ziemlich… wenn ich einen Bereich gesäubert habe, dann hat dieser auch gefälligst blank zu bleiben. Es gibt aber sicherlich auch eine nicht unerhebliche Anzahl von Spielern, denen dieser Umstand ziemlich egal ist oder gar positiv auffällt. Eine Designentscheidung à la „Geschmacksache“ also.

Auf diesem Bild des Spiels System Shock ist eine Leiche zu sehen.
Mit USK16-Plakette wäre der Titel in dieser Form 1994 sicherlich nicht durchgewunken worden

System Shock: Wie viel Original in der Frischzellenkur steckt

Das Remake von System Shock hatte es von Anfang an nicht wirklich leicht. Das spiegelt sich vor allem in der recht langen Entwicklungszeit wider. Erstmals wurde der Titel Mitte 2016 via Kickstarter ins Leben gerufen und sollte ursprünglich im Dezember 2017 erscheinen. Wie inzwischen bekannt ist, hat der Zeitplan nicht ganz hingehauen, denn auch in den Folgejahren wurde der Titel immer und immer wieder verschoben. Im Mai 2023, also fast sechs (!) Jahre nach der angepeilten Veröffentlichung, war es für die PC Spielerschaft endlich soweit! Die Konsolenfassungen für Xbox und PlayStation erschienen ein Jahr später, die Switch- und Switch 2-Fassungen am 18. Dezember 2025.

Solch lange Entwicklungsprozesse mit schier zahllosen Stolpersteinen und Engine-Wechsel lassen in vielen Fällen leider nichts Rosiges erahnen. Hier ging der Plan jedoch auf. Denn der Titel hielt nicht nur, was er versprach, sondern orientierte sich dabei auch sehr nah am Original. Grafik und Sound wurden komplett und aufwendig überarbeitet und einige Levelarchitekturen abgeändert. Zwar darf jetzt jederzeit gespeichert werden, aber ansonsten verzichtet das Programm auf die üblichen Annehmlichkeiten der heutigen Zeit. Es gibt also eine ähnliche Spielerfahrung wie 1994, nur eben mit den erwähnten Änderungen und auf modernen Systemen. Das wirkt an vielen Stellen jedoch etwas sperrig und unnötig unbequem. Optionale Hilfen, die bei vergleichbaren Titeln angeboten werden, fehlen nahezu völlig. Zwar wird dies die Hardcore-Fans des Originals eher freuen, aber eine neue Zielgruppe lässt sich so deutlich schwerer erschließen.

Auf diesem Bild des Spiels System Shock sind Einstellungsmöglichkeiten zu sehen.
Der Schwierigkeitsgrad ist mehrfach anpassbar

Netter Versuch oder Offenbarung?

Wie inzwischen klar sein dürfte, ist vorliegendes Remake weder das eine, noch das andere. Weit entfernt vom berühmten Griff ins Klo, aber auch kein brillanter Modern-Classic. Beim Zocken wird man partout das Gefühl nicht los, das hier mehr drin gewesen wäre. Man muss sich also mit dem Spiel arrangieren und es so nehmen, wie es ist. Sollte jemals ein Deus Ex-Remaster über die Bildschirme flimmern (nach katastrophalem Fan-Feedback wurde das fast fertige Remaster für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt), werden die Karten neu gemischt. Aber so, wie es sich jetzt darstellt, sind System Shock samt Nachfolger die derzeitigen Retro-Rollenspiel-Referenzen. Was selbstredend auch daran liegt, dass es kaum ernstzunehmende Konkurrenz in diesem Sektor gibt. Zumindest mir kommt da so schnell nichts Vergleichbares in den Sinn.

Auf diesem Bild des Spiels System Shock ist ein Schreibtisch mit Laptop zu sehen.
Während der Arbeit Donuts schaufeln… soso!

Fazit zu System Shock

Pros:

  • Umfangreiche Singleplayer-Kampagne
  • Belohnung durch Erkunden
  • Gameplay bietet vielseitige Abwechslung
  • Gutes, reduziertes Sounddesign
  • Beklemmende, dichte Atmosphäre
  • Rätsel- und Action-Level separat einstellbar

Cons:

  • Labyrinthgänge oftmals repetitiv
  • Etwas sperrige Steuerung
  • Ohne guten Orientierungssinn schnell überfordernd
  • Fehlende optionale Komfortfunktionen

System Shock verfolgt keinerlei Ambitionen, sich zwingend neue Fans zu erschließen. Dafür kommt das Gesamtpaket zu old school, zu wenig optimiert daher. Und gerade DAS wird die alt eingesessene Fangemeinschaft feiern, sofern sie sich mit den kompletten Grafik- und Soundanpassungen arrangieren kann. Technisch ist soweit alles im gelben bis grünen Bereich und die Atmosphäre orientiert sich eng am Erstrelease: Klaustrophobie, Melancholie und Unbehagen mischen oder wechseln sich gekonnt ab. Das macht es schwer, dieses Spiel fair einzuordnen, da negative wie positive Seiten recht roh und ungeschliffen daherkommen.

Wer mit einem anspruchsvollen und zugleich actiongeladenen Titel im Science-Fiction-Kosmos und recht dünner Story etwas anfangen kann, sollte auf jeden Fall probespielen und/oder auf einen Sale warten.
Begeisterung und Enttäuschung liegen hier so dicht beisammen wie kaum zuvor bei einem Remake. Was wiederum Fluch und Segen zugleich ist. Mal hü, mal hott, ab und an auch mal Galopp.

Das Testmuster wurde uns von UberStrategist zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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