
Nightdive Studios tut weiterhin das, was sie am besten können: Remaster von kultigen Retro-Shootern. Dieses Mal ist Outlaws + A Handful of Missions Remaster an der Reihe. Ursprünglich von LucasArts im Jahr 1997 veröffentlicht, erschien das Remaster unter anderem für die Nintendo Switch 1 und 2 am 20. November 2025 digital im Nintendo eShop. Es nimmt 7,9 GB Speicherplatz auf eurer Konsole ein.
Wild Wild West in Outlaws + A Handful of Missions Remaster
Wir befinden uns im späten 19. Jahrhundert, die industrielle Revolution ist im vollen Gange und lässt auch die weitläufigen Landstriche des Wilden Westens nicht unberührt. Ex-Marshall James Anderson lebt mit seiner Frau Anna und Tochter Sarah auf einer ruhigen, abseits gelegenen Farm inmitten dürrer Vegetation und staubigen Felsformationen. Sein gewaltintensives Arbeitsleben hat er inzwischen aufgegeben und kümmert sich als treuschaffender Familienmensch um das Wohlergehen seiner Liebsten.
Ein lästiger Geschäftsmann namens Bob Graham versucht mehrfach erfolglos und mit immer höheren Finanzzuwendungen, die Familie zum Wegziehen zu bewegen. Andersons Farm liegt nämlich inmitten einer geplanten Eisenbahntrasse und soll dem Erdboden gleich gemacht werden, um den Bau dieser zu ermöglichen. Doch James denkt gar nicht daran, seinen Grundbesitz zu verkaufen. Dass dies nicht ohne Folgen sein wird, daran besteht bei derart zwielichtigen Zeitgenossen kein Zweifel. Spätestens beim unangekündigten Besuch von Dr. Death nimmt die absolut vorhersehbare und wenig originelle Rachegeschichte ihren Lauf.

Frau ermordet, Tochter entführt!
So oder so ähnlich würde wohl die reißerische Überschrift im Lokalblatt der damaligen Zeit aussehen. Und fasst auch wunderbar die Motivation der bevorstehenden, leichenintensiven Reise zusammen, denn mehr wird storytechnisch nicht geboten. Nun mag man zwar anführen können, dass gerade das Plakative für ein Western-Setting ausreicht, um den geneigten Spieler bei der Stange zu halten. Mag sein, aber wenn selbst John Romeros DOOM mehr Story bietet als Outlaws + A Handful of Missions Remaster, ist das Ganze doch arg dünn. Um kurz bei diesem Vergleich zu bleiben: Klar kann DOOM nur mit einer zweckmäßigen Geschichte aufwarten, Substanz sucht man auch hier vergebens. Doch jetzt kommt das große Aber: Die Widersacher sind in die Story eingepflegt; sie hatten allesamt Charakter, Identität und generell eine Daseinsberechtigung. In vielen Ports konnte man die Gegner in Infights verwickeln und musste je nach Statur und Verhalten ein passendes Schießeisen auswählen. Auch sowas kann zur Glaubwürdigkeit eines Settings und Geschichte beitragen.

Die kalkulierte Massenabschlachtung hunderter Gegner während Outlaws’ Solokampagne, die allesamt einer Klonfarm entsprungen zu sein scheinen (es gibt nur wenige unterschiedliche Gegnermodelle, die sich hauptsächlich durch Bewaffnung und Optik geringfügig voneinander unterscheiden), wird nur durch Bossfights am Ende eines Levels unterbrochen. Wobei diese Endkämpfe meist nur bedeuten, dass die Widersacher besser zielen können und mehr aushalten. Teilweise merkt man als Spieler gar nicht, dass man sich in einem solchen Endkampf befindet, da diese Begegnungen teils in arg dunklen Umgebungen ausgetragen werden. Richtig dahinter gekommen bin ich beim Test tatsächlich erst, als das Ableben eines solchen Bosses nahtlos in eine Cutscene übergeht. Huch, da war das Level wohl vorbei. Gar nicht gemerkt. Blöd nur, dass einem im Anschluss keine Möglichkeit geboten wird, nochmals nach Secrets oder
Ähnlichem Ausschau zu halten.
Diese Designschwächen sind selbstredend dem bereits anno 1997 sowohl spielerisch als auch technisch mäßigem Original geschuldet und wurden logischerweise 1:1 von den remaster-erprobten Vollprofis der Nightdive Studios übernommen.

Gnade, Mister Anderson!
Das Spiel an sich hat leider mehrere Probleme: Zum einen war es bereits zu Release technisch hoffnungslos veraltet. So erschien der erste echte komplette 3D-Polygon-Shooter Quake (→ zu unserem Testbericht) am 22. Juni 1996 und Outlaws erst ein knappes Jahr später, am 7. April 1997. Die in Quake errungenen Neuheiten wurden dabei komplett ignoriert. Das mag nicht so dramatisch klingen, jedoch befand man sich Mitte bis Ende der Neunziger in einem Wettstreit, wo es einen hohen Stellenwert hatte, Up-to-Date Produkte auf den Markt zu bringen. Zum anderen war das Spiel über weite Strecken schlichtweg gähnend langweilig. Beim Testmuster habe ich mich mit pausenlos rollenden Augen durch das Level „Sägewerk“ gequält, in dem man mehrere Ventile und Räder so bedienen muss, um schlussendlich neue Levelabschnitte zugänglich zu machen.
Was auf dem Papier noch halbwegs interessant klingt, mündet in der Praxis schnell in einem frustrierenden, absolut nervenraubenden Probiermarathon und Hin- und Hergeschalte, was einfach null Spielspaß bringt. Der übernächste Level war ebenfalls absolut furchtbar; man sammelte permanent Öllampen auf, um nicht ständig durch die Dunkelheit eines Mienenschachts zu waten und findet nur mit großer Mühe den Ausgang. Denn der richtige (und einzig mögliche!) Weg ist ziemlich versteckt und nicht gerade offensichtlich. Zumindest wird das Spielgeschehen durch nett anzuschauende, comichafte Zwischensequenzen aufgelockert. Dass diese jedoch die Story ernsthaft voranbringen, wäre eine Übertreibung, sind sie doch weder sonderlich lang noch spannend.

Spiel’ mir das Lied vom Tod
Das klingt alles sehr ernüchternd und wenig spaßerfüllt. Und so hart das klingen mag, das trifft bei Outlaws + A Handful of Missions Remaster in vielerlei Hinsicht leider auch vollends zu. Eines der Hauptprobleme ist sicherlich, dass das Spiel nicht von einem x-beliebigen, zweitklassigen Studio zusammengezimmert wurde, sondern von den Experten der LucasArts-Schmiede, echten Veteranen also, von denen bestmögliche Qualität erwartet wird. Dementsprechend hoch sind auch die Erwartungen an
diesen Titel. Die Fallhöhe ist immens, der Aufprall umso heftiger. Es gibt aber auch sonnige Seiten im Wilden Westen, die natürlich nicht unerwähnt bleiben sollen und zumindest für mäßige Versöhnung sorgen.
Ohne Wenn und Aber wird hier feinste musikalische Untermalung geboten, die derart immersiv ist und beeindruckt, dass an vielen Stellen eine tolle Western-Atmosphäre vorherrscht. Ein Blick in die Credits offenbart, dass sich für diesen Ohrenschmaus der renommierte Computerspielkomponist Clint Bajakian auszeichnet, der bereits an Soundtracks wie Star Wars: Dark Forces oder Day of the Tentacle beteiligt war. Ohne Übertreibung könnten die vorliegenden Stücke jedem hochklassigen Hollywoood-Filmwestern entsprungen sein. Ja, SO gut ist der! Die Sprachsamples der Widersacher sind ebenfalls lustig anzuhören, wiederholen sich jedoch häufig. Dennoch wird hier soundtechnisch ein tolles Westernfeeling geboten und reißt den Titel aus der spielerischen Schlammpfütze hoch in die Mittelmäßigkeit, was eines der größten Komplimente an Outlaws + A Handful of Missions Remaster ist.

Outlaws + A Handful of Missions Remaster: Der Ritt in den Sonnenuntergang
Aber woran fehlt es dem Titel denn genau? Streng genommen sind es – bis aufs Sounddepartment – sämtliche Komponenten, die einen Shooter erst aufblühen lassen: Die Schießereien sind allenfalls mäßig inszeniert, das Setting vor knapp 30 Jahren zwar unverbraucht, aber langweilig umgesetzt und von einem spannenden Spielaufbau kann ebenfalls nicht die Rede sein. Auch die wortwitzig angelehnten Zusatzmissionen „A Handful of Missions“ bieten im Kern nur mehr vom schnarchigen Hauptspiel. Die Secrets sind oftmals recht gut versteckt und können Komplettisten zum genauesten Erforschen der insgesamt neun Hauptlevel motivieren.
Fans des Spiels werden keinesfalls enttäuscht sein, da das Remaster wieder mal üppige Zusätze bietet – so
kann beispielsweise zu jeder Zeit zwischen der ursprünglichen und der überarbeiteten Grafik hin und
her geschaltet werden. Ebenfalls fallen weitere Einstellungsmöglichkeiten erfreulich zahlreich aus. Auch einige spieltechnische Finessen wie die sehr gut implementierte und damals noch neue Snipermechanik des 44er Gewehrs und das taktische Nachladen boten mitunter interessante Spielelemente. Das allein reicht bei Weitem aber nicht aus, um den Titel selbst für Genre-Fans zu empfehlen. Outlaws war zu Releasezeiten bereits angestaubt und ist obendrein auch noch extrem schlecht gealtert. Probespielen ist in diesem Fall Pflicht, auch oder gerade für Sympathisanten modernerer Westernspiele wie Red Dead Redemption.

Fazit zu Outlaws + A Handful of Missions Remaster
Pros:
- Gelungene (wenn auch kurze) Zwischensequenzen
- Snipermechanik in Außenarealen ein echter Gewinn
- Superber Soundtrack
- Üppiger Umfang
- Nightdive Studios!
Cons:
- Langweiliger Spielverlauf
- Hoffnungslos schlecht gealtert
- KI dumm wie Bohnenstroh
- Elementare Story ohne Überraschungen
- Schwache Technik
- Ständig wiederholende Sprachausgabe
- Sägewerk-Level eines der Schlimmsten im gesamten Genre
- Bosskämpfe maßlos enttäuschend und oftmals gar nicht als solche wahrnehmbar

Outlaws + A Handful of Missions Remaster wirkt an vielen Stellen lieb- und seelenlos, vor allem, was das Spieldesign anbelangt. Und was nützt ein potenziell spannendes Setting, wenn es an der Umsetzung hapert? Leider entfaltet sich die Qualität von LucasArts an keiner Stelle, sie blitzt allenfalls hin und wieder kurz auf. Und das ist einfach zu wenig für ein derartiges Studio mit hohen Ansprüchen.
Wer sich bis zum bitteren Ende durchballert, darf sich lobend auf die Schultern klopfen. Denn auch Durchhaltevermögen ist eine Art von Commitment, garantiert nur leider keinen Spielspaß. Es gibt auf der weitläufigen Ranch der Videospiele so viele bessere Genre-Vertreter. Outlaws ist selbst durch die rosarote Retrobrille allenfalls Mittelmaß. Lieber meiden statt leiden!
Das Testmuster wurde uns von UberStrategist zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!
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