Othercide – Taktik-Roguelite der düsteren Art [Test]

Starten wir mit Runde drei der Spiele, die ich noch nachzutesten habe. In diesem Fall geht es sogar bis ins Jahr 2020 zurück. Scheinbar waren die letzten beiden Jahre für mich ein einziges großes Knäuel, da ich hätte schwören können, Othercide wäre irgendwann Anfang 2021 erschienen. So ganz daneben lag ich nicht, denn zu diesem Zeitpunkt war das Entwicklerteam Lightbulb Crew ebenfalls in den Medien, weil sie die Server ihres Erstlingswerks – dem MOBA Games of Glory – nach vier Jahren Spielzeit abschalteten.

Wie dem auch sei, im September 2020 kam dieses düstere, atmosphärische Taktik-Roguelite auf die Nintendo Switch. Jetzt, wo ich erneut reingespielt habe, beiße ich mir in den Hintern, das nicht schon viel früher durchgezogen zu haben. Doch fangen wir mit dem eigentlichen Test an.

Die Story von Othercide

Ha, schaut euch einfach unsere Angespielt-Episode zu Othercide an. Dort erfahrt ihr direkt zu Beginn des Spiels in seltsam zerhackten Zwischensequenzen das Grundkonzept des Spiels – sofern ihr euch daraus einen Reim machen könnt.

Kurz gesagt: Es geht um eine „Mutter“, dessen Kind offenbar verdorben wurde, woraufhin die Welt ins Unheil stürzte. Es entstand ein ewiger Kreislauf aus Tod und Leid, den die Mutter nun immer wieder aufs Neue erlebt, bis sie die Verderbnis aufhalten kann. Dafür schickt sie ihre Töchter – scheinbar aus ihrem eigenen Blut geboren – in den Kampf gegen diverse Dämonen und anderes Kruppzeugs.

Durch das Abschließen der Missionen erhaltet ihr hin und wieder Erinnerungen, die sowohl spielerischen Wert haben, als auch kleine Ereignisse aus der Zeit vor der Katastrophe schildern. Diese lesen sich sehr stimmig, doch fallen hier und da kleinere Übersetzungsfehler im Spiel auf. Im Großen und Ganzen ist die verworrene, kaum verständliche Geschichte der größte Kritikpunkt am Spiel. Ausnahmsweise ist das allerdings bei Othercide gar nicht so schlimm, da das Gameplay absolut überzeugt.

Das Gameplay

Othercide ist ein taktisches Roguelite. Stellt euch eine Mischung aus Fire Emblem, Mario + Rabbids: Kingdom Battle (→ zum Test) und Hades (→ zum Test) vor. Entzieht dieser Vorstellung sämtliche Farben außer schwarz, weiß und rot und entfernt allen Humor. Das beschreibt die Grundstimmung und das Gameplay relativ gut.

Klasse statt Masse

Das Bild zeigt die drei spielbaren Klassen von Othercide
Die drei Damen könnten auch direkt vom Set des Filmes Sucker Punch geflohen sein

Ihr habt die Auswahl aus drei Klassen: Klingenmeister haben den stärksten Angriff, Seelenschützen sind flink und leisten gute Unterstützung und Schildträger können die Aufmerksamkeit der Feinde auf sich ziehen und ebenfalls ganz gut austeilen. Weist jeder Tochter eine Klasse zu und los geht’s. Ihr müsst euch über viele Tage hinweg voran kämpfen, indem ihr Synapsen schließt (Aufträge erledigt). Diese sind unterschiedlicher Natur. Bei der Jagd müsst ihr schlichtweg alle Gegner eliminieren, bei der Eskorte müsst ihr ein schwaches Lichtwesen zum Zielgebiet geleiten und möglichst mit allen Töchtern fliehen. Und Missionen mit dem Titel „Überleben“ fordern genau das: Überlebt genügend Runden, bis sich das Fluchtgebiet zeigt und versucht dann zu entkommen.

Das ist alles leichter gesagt, als getan, denn wie es sich für ein waschechtes Roguelite gehört, ist es bockschwer. Zumindest am Anfang werdet ihr eure liebe Not mit einigen Aufträgen haben.

Die Jagd-Aufträge sind noch am leichtesten, doch spätestens, wenn ihr eure erste Eskorte durchführt und völlig überrannt werdet oder euch bei euer ersten Überlebens-Mission wirklich nur knapp retten könnt, werdet ihr ins Schwitzen kommen. Dabei ist das Spiel tatsächlich nicht frustrierend, wie es bei manchen schweren Titeln der Fall ist – zumindest, nachdem man die ganzen Mechaniken verstanden hat. Es ist einfach nervenaufreibend inszeniert.

Und täglich grüßt der Seuchendoktor

Das Bild zeigt den Game Over Bildschirm von Othercide. Hier werden eure Statistiken gezeigt
Euer erster Run wird vermutlich ähnlich unspektakulär ausfallen

Noch grün hinter den Ohren, werdet ihr den ersten Durchlauf kaum über den dritten Tag hinauskommen. Sollt ihr auch gar nicht, denn ihr werdet nur mit häufigen Durchläufen stärker und auch geschulter in den vielen fein-taktischen Mechaniken des Spiels.

Wenn all eure Töchter das Zeitliche gesegnet haben, erhaltet ihr für die Anzahl geschlossener Synapsen Ressourcen, mit denen ihr euren nächsten Run vorbereiten könnt. Im Verlaufe des Spiels schaltet ihr beispielsweise sogenannte Reminiszenzen frei, die als passive Buffs alle Töchter beeinflussen.

Außerdem findet ihr im Spiel vereinzelt Wiederbelebungsmarken, denn alle Töchter, die ihr verloren habt, landen im Friedhof und können wiederbelebt werden. Othercide spielt sich hier erfrischend anders im Vergleich zu ähnlichen Taktik-Rollenspielen. Es gibt beispielsweise nur eine Möglichkeit, eure Töchter zu heilen – ihr müsst dafür eine andere Tochter opfern, welche auch noch den gleichen oder einen höheren Level haben muss. Und schon sitzt man mit schwitzenden Händen und rasendem Puls vor dem Bildschirm: Versucht man es noch einmal mit einer angeschlagenen Tochter? Opfert man eine Tochter, die vielleicht eine Klasse hat, die man gerade nicht benötigt? Welche Spezialfähigkeiten sind gerade wichtiger?

Mit der Zeit habt ihr den Dreh raus und kommt schneller und effizienter voran. Das liegt vor allem daran, dass ihr durch diverse Buffs, die ihr euch zwischen den Runs holt, schon von Beginn an stärker seid. Der Gegnerlevel ist aber abhängig vom Tagesfortschritt. Ihr werdet also problemlos durch die ersten paar Tage stapfen, um dann dort weiterzumachen, wo ihr zuvor gescheitert seid.

Ein Blick in die Zukunft

Das Bild zeigt eine Gameplay-Szene aus Othercide. Darin ist die Timeline gut zu erkennen
Die Timeline ist ein wichtiges Hilfsmittel, wenn man damit umzugehen weiß

Die wohl interessanteste Mechanik von Othercide ist die Timeline. Ihr seht anhand der Timeline zu jeder Zeit, wann welche Figur dran ist. Eure Aktionen verbrauchen Aktionspunkte (AP). Davon habt ihr jeweils 100 zur Verfügung. Habt ihr am Ende eures Zuges über 50 AP übrig, werdet ihr auf der Zeitleiste um 50 Punkte nach hinten verschoben, seid ihr drunter, um 100 Punkte. Außerdem haben manche eurer Fähigkeiten eine Initiative-Verzögerung, die ihr mit einberechnen müsst. So könnt ihr mit der Klingenmeisterin beispielsweise einen mächtigen Schlag aufladen, der über zwei Felder geht, wobei jedoch die Gefahr besteht, dass die Gegner Zeit zum Ausweichen haben oder ihrerseits angreifen. Mit diesem Wissen könnt ihr euch eine gute Strategie zurechtlegen, die Angriffsreihenfolge abschätzen und den Überblick bewahren.

Die passiven Buffs, die ihr zwischen den Runs erhaltet, müsst ihr euch übrigens freispielen. Doch auch hier könnt ihr ein wenig vorausplanen, was ihr erhalten werdet. Im Reiter „Reminiszenzen“ seht ihr sie alle aufgelistet. Dahinter stehen Bedingungen wie „besiege Gegnertyp X 15 Mal“ oder „verteile insgesamt 100000 Schaden“, „erreiche Tag 6“ etc. Die Buffs reichen hierbei von mehr Lebenspunkten oder höherem Anfangslevel bis hin zum Überspringen einiger Level.

Ein Blick ins Buch

Lesen bildet bekanntermaßen. In Othercide hat das Lesen des Kodex einen ganz praktischen Nutzen. Habt ihr einen Gegnertypen zum ersten Mal besiegt, erfahrt ihr dort Informationen über dessen Angriffsmuster. So könnt ihr herauslesen, dass manche Gegner sich immer auf eine bestimmte Figur stürzen oder andere eher für passive Buffs der Mitmonster zuständig sind.

Wer seine Hausaufgaben macht und sich wirklich fleißig mit den Buffs, der Timeline und Initiative, den Fähigkeiten und den unterschiedlichen Gegnertypen und dessen Stärken und Schwächen auseinandersetzt, wird früher oder eher später auch den finalen Boss auf die Matte legen.

Die Präsentation

Lightbulb Crew verstehen es wirklich, eine intensive und packende Atmosphäre zu erschaffen. Das düstere Setting ist unter anderem vom England des 19. Jahrhunderts inspiriert, während das Gegnerdesign und manche Artworks der Zwischensequenzen direkt aus der Feder H.P. Lovecrafts stammen könnten. Im krassen Gegensatz dazu sehen die Töchter eher wie stereotype Anime-Mädchen mit großen Waffen aus. Alles in Othercide ist düster und farblos, abgesehen von Rot (oder Gelb, denn das Spiel unterstützt einen Modus für Farbenblinde) und Weiß als Kontrastpunkte. Das verschafft dem Spiel eine Horror-Stimmung, welche durch den schlichten, aber stimmungsvoll-bedrückenden Soundtrack perfekt unterstrichen wird. Mehrmals erwischte ich mich dabei, wirklich ins Schwitzen zu geraten, weil ich dabei zusehen musste, wie meine Töchter eine nach der anderen den Kreaturen der Dunkelheit zum Opfer fielen. Man will es schaffen, man wird richtig ehrgeizig dabei.

Ein kleiner Kritikpunkt sind die Ladezeiten. Die Dauer, bis ein Level geladen wird, ist verschmerzbar, aber wenn man selbst zwischen den Missionen beim Wechsel zwischen Kodex, Reminiszenzen und Töchtern jeweils fünf Sekunden warten muss, finde ich das nicht so prickelnd optimiert. Auch die Intro-Sequenz bzw. Zwischensequenzen sind oft in mehrere Abschnitte unterteilt, zwischen denen jeweils gut und gerne 15-20 Sekunden Ladezeit für genauso viele Sekunden Monolog liegen.

Auch ist die geringe Anzahl an Leveln zu bemängeln. Ihr werdet häufig durch die gleichen Ebenen grinden müssen, um voranzukommen. Ein Randomizer für die Gebiete hätte hier sicherlich für mehr Abwechslung und Nervenkitzel gesorgt. Zu guter Letzt kann ich nur die geringe Anzahl Sprach-Snippets bemängeln, die ständig – und ich meine ständig! – wiederholt werden. Wenn drei gleiche Gegner nacheinander das Spielfeld betreten, wird eben auch die gleiche Sprachdatei abgespielt. Das stört ein wenig die Immersion.

Mein Fazit zu Othercide

Pros:

  • Rundum stimmige, bedrohliche Atmosphäre
  • Ausgeklügeltes Taktik-Kampfsystem mit vielen kleinen Facetten
  • Interessante Herangehensweise, Time-Loop und Roguelite miteinander zu kombinieren

Cons:

  • Teils zu lange oder unnötige Ladezeiten
  • Wenig Abwechslung in den Leveln
  • Zu häufige Wiederholungen bestimmter Sprachdateien

Othercide ist ein sehr ambitioniertes Spiel. Es wagt sich an einen ungewöhnlichen Mix aus Horror, Taktik-Rollenspiel und Roguelite, mit einigen frischen und innovativen Ideen, ohne jedoch das Kern-Gameplay zu kompliziert zu gestalten. Hat man den Dreh erst einmal raus, wird man mit einem packenden und herausfordernden Gameplay-Zyklus belohnt, der rein für sich genommen eine Menge Spaß macht.

Die stimmige Präsentation wird nur durch kleine Kritikpunkte getrübt, welche die Spielerfahrung jedoch nur wenig schmälern. Lediglich mit dem Versuch, eine spannende und verworrene Story zu erzählen, haben sich die Entwickler gehörig verhoben. Teile der Erinnerungen sind zwar sehr stimmig zu lesen, aber so einen richtigen Sinn will das alles zusammen dennoch nicht ergeben. Für Spieler, die Taktik-RPGs etwas abgewinnen können oder gerne mal etwas Unkonventionelles ausprobieren wollen, ist dieser Titel ein Pflichtkauf.

Das Testmuster wurde uns von Lightbulb Crew zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

Über Roger Hogh 750 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

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