Life is Strange: True Colors – Emotional packende Odyssey

Ich habe mir den emotionalen Trip Life is Strange: True Colors für euch angesehen und kläre in diesem Testbericht, warum ich mich verliebt habe.
Das 3D-Abenteuer stammt aus der Entwicklerschmiede Deck Nine Games. Der zustände Publisher für den Vertrieb ist Square Enix. Der Titel erschien am 07. Dezember 2021 auf der Nintendo Switch und ist vorerst rein digital im Nintendo eShop für 59,99 € verfügbar. Bei der Verkaufsplattform Amazon ist er für den 25. Februar 2022 gelistet. Allerdings prangt der Schriftzug „Internet-Download erforderlich“ auf dem Cover. Bei einer Datengröße von ca. 20 GB bei einem Dritthersteller nicht all zu verwunderlich. Ob allerdings überhaupt eine Cartridge eingeplant ist, ist nicht bekannt.
Life is Strange: True Colors ist ab 12 Jahren freigegeben und bietet Touchscreen-Unterstützung. Es handelt sich bei diesem Spiel um einen Einzelspieler-Titel.

Schaut euch doch einmal den Launch-Trailer zur Einstimmung an:

Inhaltsverzeichnis zum Testbericht zu Life is Strange: True Colors

Die Einführung ins Geschehen ohne große Umschweife

Wir spielen die junge Alex Chen. Eine Frau, die in jungen Kindertagen aufgrund familiärer Probleme von ihrem geliebten Bruder Gabriel „Gabe“ Chen getrennt wird. Nach psychisch belastenden Erfahrungen durchläuft Alex in ihrer Jugend Stationen wie Jugendamt, Waisenhaus, Pflegeeltern, Betreutes Wohnen und Therapie. Sie ist nicht wie andere Menschen – ganz im Gegenteil: Alex wohnt eine Kraft inne, die es ihr erlaubt, starke Emotionen anderer Menschen lesen und fühlen zu können. Was sich zunächst sehr schön und hilfreich anhört, stellt für Alex einen Fluch dar. Der Haken an der Sache: Emotionen wie Trauer und Wut empfindet sie nach. Aufgrund ihrer eigenen belastenden Biographie kam es in der Vergangenheit nicht selten zu ausufernden Wutausbrüchen. Die Konsequenz dieser emotionalen Fehltritte war die stetige Ablehnung von Menschen, die sich hätten um sie kümern können. Dies ist der Grund, warum Alex staatliche Institutionen durchläuft, ohne sich jemals zugehörig zu fühlen.

Das Spiel startet an dem Wendepunkt ihres Lebens: Ihr Bruder Gabe hat nie aufgegeben, nach ihr zu suchen, also unterbreitet er ihr, nachdem er sie gefunden hat, das Angebot, zu ihm in das idyllische Örtchen Haven Springs zu ziehen. Zögerlich begibt sich Alex auf die Reise, stets mit der Sorge nicht akzeptiert zu werden. Ihren Bruder Gabe hat sie lange acht Jahre nicht gesehen. Wir erleben also eine junge, emotional sensible und zerbrechliche Hauptprotagonistin, die einfach nur versucht, sich ein „normales“ Leben mit ihrem Bruder aufzubauen. Doch wie so oft entwickeln sich die Dinge zu harten Schicksalsschlägen, die bewältigt werden wollen. So auch in diesem Abenteuer: Alex beginnt, sich wohlzufühlen, doch hält das Schicksal eine herzzerreißende und gefährliche Reise für sie parat, in welchen sie ihre besonderen Kräfte unter Beweis stellen muss, um einen motivationsraubenden Marathon zu laufen!

Hier schafft es Entwickler Deck Nine Games gekonnt, einen Hintergrund aufzubauen, welcher die Charakterzüge samt Schwächen, Ängste und Zweifel der Hauptprotagonistin im Laufe der Narrative legitimisiert und greifbar(er) macht.

Das Bild zeigt Hauptprotagonistin Alex Chen aus "Life is Strange: True Colors".
Hauptprotagonistin Alex Chen

Das minimalistische Gameplay von Life is Strange: True Colors

Nun, was tun wir eigentlich in Life is Strange: True Colors? Gameplaytechnisch tatsächlich gar nicht so viel. Es ist einer der Titel, welcher viel mehr durch seine Charaktere, Atmosphäre und der eigentlichen Geschichte lebt. Um diesen Fokus zu gewährleisten, hält der Entwickler Tätigkeiten und Controllereingaben relativ simpel.

Unsere Hauptaufgabe ist die Erkundung und das Führen von Gesprächen. Nehmen wir Personen und bestimmte Gegenstände in den Blick, haben wir bis zu vier Aktionen zur Auswahl: Ansehen, Reden, besondere Aktion ausführen und Gefühle lesen/spüren.
Sehen wir uns (X-Taste) Personen und Gegenstände lediglich an, so teilt uns Alex ihre Gedanken zum Gesehenen mit. Gehen wir in ein Gespräch (A-Taste), so beginnt ein Dialog – häufig mit Antwortoptionen, die weitere Auswirkungen haben können. Gegenstände nehmen (A-Taste), führt dazu, dass wir uns erinnern oder weitergehende Gedanken triggern. Besondere Aktionen (B-Taste) können beispielsweise ein Nachfragen, Helfen oder das Lösen eines Rätsels sein. Hier gibt es verschiedene Aktionen, die im Verlauf der Geschichte passieren.

Das Bild zeigt Alex und Gabe Chen mit dazugehörigen Dialogoptionen sowie dessen Tastenbelegung.
Dialogoptionen begegnen uns immer wieder

Zu guter Letzt ist da noch das Lesen und Spüren von Gefühlen (L-Taste und A-Taste kurz gedrückt halten). Bei diesen Gelegenheiten erhalten wir Einsicht ins innere der Menschen. Wir blicken auf die wahren Gefühle der Bürger von Haven Springs und lernen die Menschen und ihre Motive somit besser kennen. Dies wiederum hilft uns dabei, auf gewisse Situationen angemessen zu reagieren. Immer dann, wenn Charaktere starke Emotionen verspüren, sehen wir eine Aura einer bestimmten Farbe (Rot: Aggression/Wut; Blau: Trauer/Enttäuschung; Orange: findet es heraus).

Manchmal verändert sich die komplette Atmosphäre innerhalb einer starken Emotion bezüglich der Räumlichkeit und der eingesetzten Musik und des Sounds. Erst wenn wir sämtliche Erinnerungen dechiffriert haben, löst sich dieser unangenehme Druck und alles wirkt wieder friedlicher. Ein sehr passendes Element zur Veranschaulichung.

Doch auch besonders resonante Objekte zeigen uns diese Aura. Alex kann die starken Erinnerungen, die daran gebunden sind, wachrufen. Es lohnt sich also, alles zu untersuchen und dann zu schauen, ob die Kraft neue Einsichten oder Dialoge eröffnet hat. Außerdem schalten wir so neue Erinnerungen frei, die ebenfalls in unser Tagebuch eingetragen werden und dann nachlesbar sind.

Generell geht das Gameplay leicht von der Hand, wodurch sich Life is Strange: True Colors angenehm spielen lässt. Was eventuell zwischenzeitlich etwas stören könnte, ist, dass man Objekte, die man ansehen mag, schon mal ausversehen verfehlt, wenn man sich umschaut. Womit oder mit wem wir interagieren können, zeigt uns das Spiel mit einer sehr auffälligen, weißen Umrandung. Ihr braucht also keine Sorge haben, etwas so leicht zu verpassen. Ist dies der Fall, so liegt das an der zu oberflächlichen Erkundung des Spielers.
Wem der normale Gang zu langsam ist, kann Alex (ZR-Taste) schneller fortbewegen lassen.

Erfreulicherweise bietet der Titel Gameplay-Einstellungen für die Barrierefreiheit. Spieler werden zudem vor dem Spielerlebnis darauf hingewiesen, dass bei Photosensitivität Vorsicht geboten ist.

Life is Strange: True Colors – Charaktere mit Tiefgang!

Abenteuer wie Life is Strange: True Corlors sparen zwar an der Komplexität und Anspruch in Bezug auf das Gameplay, doch dafür trumpfen anderen Aspekte umso stärker auf. Die toll ausgearbeiteten Charaktere in Haven Springs gehören eindeutig dazu. Während meiner virtuellen Reise habe ich es unglaublich genossen, mich auf verschiedene Bürger der schönen Kleinstadt einzulassen. Natürlich begegnen uns sympathische wie auch unsympathische Charaktere, doch schafft es genau dieser Mix an persönlichen Eigenschaften, die Würze innerhalb der sozialen Interaktion zu gewährleisten.

Abziehbilder ohne jegliche Hintergründe stellen hier eher eine Seltenheit dar. Gewisse Charaktere sind zwar stärker im Fokus als andere, doch ist jeder hervorgehobene Bürger wichtig und dessen Performance echt gelungen. Apropos Performance… die Motion Capture-Aufnahmen ermöglichen sehr authentische und feine Emotionen in den Gesichtern und der genrellen Körpersprache der Charaktere. Selten war ich so vom Ausdruck der Interaktion zwischen virtuellen Menschen gefesselt wie in Life is Strange: True Colors.
Zu dieser Darstellung gehören natürlich auch die Synchronsprecher. Ich habe das Abenteuer in deutscher Sprache gespielt und durfte Künstlern wie Guiliana Jakobeit (Keira Kneightley; Ran Mori aus „Detektiv Conan“), Peter Reinhardt, Nick Forsberg, Dieter Memel und weiteren aufmerksam lauschen. Schauspielerin Lin Gothoni leistet einen super Job bei der Vertonung von Hauptprotagonistin Alex Chen.
Nebenbei bemerkt, spricht der beliebte Streamer und YouTuber Eric Range (bekannt unter dem Namen Gronkh) ebenfalls eine der Hauptrollen.

Greifbarer werden die Personen über ihre Tätigkeiten und/oder den Geschäften, die sie leiten. Wir treffen einen Ranger und einen Polizisten; eine DJane, die einen Plattenladen führt; zwei Blumenverkäuferinnen; einen Mann, der eine Bar in Schuss hält; eine Frau, die eine „Apotheke“ leitet, in der Weed samt Zubehör im Angebot sind und einige weitere.

Neben den relevanteren Charakteren existieren allerdings noch weitere Personen, die das nette Örtchen füllen und lebendiger machen. Sie integrieren sich zu gewissen Anlässen, posten und kommentieren im Internet und bekommen in diversen Situationen Hilfe von uns. Insgesamt fühlt sich haven Springs sehr lebendig an.

Das World Wide Web stärkt die Immersion gekonnt!

Man könnte diesen Punkt zwar mit zum Gameplay zählen, doch führe ich diesen Aspekt hier gesondert auf. Dies liegt daran, dass der Internet-Aspekt über das Smartphone von Alex noch mal eine ganz besondere Note für die Atmosphäre hineinbringt. Über das erwähnte Device lassen sich das Portal MyBlock und SMS einsehen. Über MyBlock posten allerlei Bürger als Privatpersonen oder im Namen verschiedener Unternehmen Beiträge ins Internet. Das klingt nun eventuell etwas unspektakulär, war für mich aber fortlaufend ein Grund, um das Portal zu besuchen. Immer wieder musste ich schmunzeln oder lachen, weil die Kommentare einen Teil der modernen Online-Kultur auf humoristische Art und Weise aufgreifen.

Doch ist es nicht nur einfach witzig, sondern ein Mitgrund dafür, warum Haven Springs so unfassbar lebendig und authentisch wirkt. Egal was passiert, es findet online Widerhall. Seien es auch noch so kleine Aufgaben, die wir erledigen – beispielsweise helfen wir einem schüchternen Pärchen, sich endlich näher zu kommen oder einem Mann im Plattenladen, seinen Hund wiederzufinden – all das wird in das Portal eingebettet, sodass auch kleinere Tätigkeiten zu einer Art Errungenschaft werden.
Life is Strange: True Colors belohnt also nicht einfach mit einem Item oder einer virtuellen Trophäe, sondern damit, das Wirken der Hauptprotagonistin Alex in eine puslierende Welt einzubetten. „Aktion – Reaktion“ lautet hier die toll umgesetzte Devise!

Des Weiteren können wir SMS verschiedener Kontakte empfangen und lesen. Auch dies klingt nun vielleicht etwas trocken, doch ich persönlich habe jede Nachricht geradezu verschlungen. Und warum? Weil sie Hintergrundinformationen liefern und unseren gespielten Charakter Alex besser verstehen lassen. Dabei sei angemerkt, dass euch nun keine erschlagenden Textwalls erwarten – die SMS lesen sich recht kurzweilig.
Sei es der Nachrichtenverlauf zwischen Alex und ihrer Therapeutin; Dialoge zwischen Alex und einem Mann, der ihr Unterkunft gewährt, dann aber doch nur auf Sex aus ist; Freunde, die sie nach ihrer Abreise verabschiedet und viele mehr. Mich persönlich haben diese Nachrichten ergriffen. Mag man als Spieler also komplett in die Welt von Life is Strange: True Colors eintauchen, so rate ich unbedingt dazu, sowohl alle Beiträge auf dem Portal MyBlock als auch die SMS zu lesen.

Alex‘ Tagebuch – Ein intimer Einblick in ihre Seele

Alex führt ein originelles Tagebuch. Sie gestaltet die Seiten thematisch so, dass sie den Namen einer Person und ihre starke Emotion aus einer eindringlichen Situation oben farbig hinschreibt. Anschließend gestattet sie uns Spielern Einblick in ihre Seele. Sie schildert, was sie wann gedacht und empfunden hat. Die innere Zerissenheit ist förmlich greifbar. Beschrieben ist stets der Verlauf einer Situation. Oftmals sind Zitate besonders hervorgehoben. Gegen Ende entwirft Alex aus den jeweiligen Themen und Aussagen sowie Gefühlen Textpassagen und sogar Noten dazu. Dabei kommt ihr musikalisches Gespür zu Geltung.

Insgesamt spielt Musik in Life is Strange: True Colors eine sehr große Rolle. Alex ist sehr musikalisch – sie beherrscht das Gitarrenspiel, schreibt emotionale Songtexte und setzt ihre schöne Stimme besonders gefühlvoll im Gesang ein. Immer wieder greift man den Gedanken auf, in die große weite Welt zu ziehen und professionelle Musikerin zu werden, welche die Welt verzaubert.

An verschiedenen Passagen des Spiels kann sich Alex in sogenannte Zen-Momente begeben. Dies bedeutet, dass sie sich an einen Ort begibt (mal steht, sitzt, liegt) und einfach ihre Gedanken kreisen lässt. Wir Spieler hören dabei stets Musik im Hintergrund und sehen verschiedene Kameraperspektiven und -fahrten ihrer Umgebung. Zwischendurch kann es vorkommen, dass wir Alex‘ Gedankenstimme dabei zuhören, wie sie gewisse Ereignisse versucht einzuordnen.
Ich habe diese Momente als sehr entspannend erlebt. Da sie optional sind, entscheidet ihr selbst, ob ihr euch dem hingeben wollt oder lieber direkt die Handlung vorantreibt. Verlasst ihr die Zen-Momente, endet die Szene nicht abrupt. Singer-Songwriterin Alex macht sich langsam zum Gehen bereit und die Musik läuft immer leiser werdend aus. Ein kleines, aber wie ich finde, schönes Detail.

Auch der Plattenladen mit all seinen Facetten sowie die Jukebox mit 20 Songs in der Black Lantern (Bar) zeigen die Leidenschaft des Entwicklerteams für Musik – selbst im Ladebildschirm präsentiert man uns einen laufenden Plattenspieler samt emporsteigender Musiknoten.

Das Sammeln von Erinnerungen schaltet offizielle Errungenschaften frei. Wir erhalten weitere Einblicke in die Gedanken von Alex und anderen Bürgern von Haven Springs.

Eine aufregende Geschichte voller Emotionen und Spannung!

Oberhalb habe ich bereits über die Einführung in Life is Strange: True Colors geschrieben. Die eigentliche Geschichte ist natürlich mit der wichtigste Aspekt dieses tollen Abenteuers. Und wow… sie hat mich echt gepackt und mitgerissen. Es fällt mir an dieser Stelle gar nicht so einfach, zu beschreiben, worin dieser Wow-Effekt besteht.

Zunächst ist die gesamte Situation durch sämtliche Hintergründe bereits emotional aufgeladen. Es ist spannend, zu sehen, wie Alex sich in einer Gemeinde integriert und in sämtlichen Situationen Gebrauch von ihrer mysteriösen Gabe macht. Es ereignet sich eine Tragödie, die Aufklärung erfordert. Also muss sich Alex mehreren Herausforderungen stellen und emotional ihre Mitmenschen aber allen voran sich selbst überwinden.

Während die Bürger von Haven Springs gemütlich ihr Leben genießen, versucht der Großkonzern Typhon-Minengesellschaft Profit aus den naheglegenden Minen zu ziehen. Es steht eine potenziell gefährliche Sprengung an, die auch genau so kommuniziert und vor der mehrfach gewarnt wird. Inwieweit dies nun zu einer Tragödie mutiert, überlasse ich eurer Fantasie, da hier an der Stelle keine Spoiler stattfinden.

Nun zum Wichtigsten: Eure Entscheidungen ziehen Konsequenzen nach sich! Wie verhaltet ihr euch in verschiedenen Situationen und Gesprächen? Was findet ihr heraus? Welche Aufgaben erledigt ihr? Fast alles hat Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Wer steht euch bei? Wer verlässt das idyllische Haven Springs? Mit wem beginnt Alex eine Liebesbeziehung oder tut sie das überhaupt? All das haben wir Spieler in der Hand. Deshalb sollte jeder Schritt gut überlegt sein. Das Abenteuer Life is Strange: True Colors bietet uns stolze sechs verschiedene Hauptenden. Das Spiel ist in fünf Kapitel unterteilt. Alles, was im letzten Kapitel geschieht, ist Resultat unserer Entscheidungen aus dem vorherigen Spielverlauf.

Einen Punkt in der Geschichte, welcher mit dem Zeitdruck einer Sprengung zutun hat, konnte ich nicht wirklich nachvollziehen, weshalb es an dieser Stelle etwas überkonstruiert wirkte. Außerdem existieren wenige Kleinigkeiten, die etwas unlogisch erscheinen. Zum Beispiel begrüßt und unser Bruder Gabe anfangs mit einer Umarmung, nur um anschließend zu fragen, was eine angemessene Begrüßung zweier Geschwister ist, die sich acht Jahre lang nicht gesehen haben – Umarmung oder Handschlag? Da wir uns kurz zuvor bereits umarmt haben, wirkt das dezent sinnbefreit und deplatziert. Auch in einigen anderen Situationen gibt es kleinere Unstimmigkeiten, insgesamt wirkt das Bild der Verläufe allerdings stimmig.

Die Handlungen der Charaktere sind größtenteils nachvollziehbar. Interessanterweise verzichtet der Titel auf die große Krachbumm-Action und präsentiert ein recht realistisches Szenario, welches aber keinesfalls langweilig daherkommt. Im Gegenteil: Die Spannung liegt in der Aufklärung der schrecklichen und herzzereißenden Tragödie, die passiert ist und die Kleinstadt in tiefe Trauer versetzt.
Das Pacing habe ich als angenehm empfunden. Im Verlauf der Geschichte gönnt Entwickler Deck Nine Games dem Spieler etwas Zeit zum Nachdenken und streut auflockernde Elemente mit ein.
Generell lässt sich prognostizieren, dass Life is Strange: True Colors eine Umgebung und ein Leben zeichnet, dass man, fernab der mysteriösen Kräfte von Alex, so vorfinden könnte.
Genau diese Nähe zur Realität und die einhergehende Möglichkeit der Identifikation macht einen Teil der Anziehungskraft der Life is Strange-Reihe aus.

Seid ihr bereit für diese aufreibende Reise?

Life is Strange: True Colors bietet sehr hohen Wiederspielwert

Nach Abschluss eines jeden Kapitels sehen wir eine Übersicht unserer Entscheidungen und die Wege, die wir nicht beschritten haben. Außerdem erhalten wir Einsicht über die Entscheidungen anderer Spieler der Life is Strange-Community, wenn wir mit dem Netzwerk verbunden sind (Im Hauptmenü des Spiels mit der Y-Taste beitretbar). Hier sind unsere Entscheidungen via Prozentangaben mit denen anderer Spieler aufgelistet.

Von offizieller Seite heißt es außerdem:

Nach Abschluss einer Szene ist diese über den Bildschirm für die Kapitel-/Szenenauswahl fürs erneute Spielen oder einen Neustart verfügbar. „Erneut Spielen“ ermöglicht das Sammeln von Errungenschaften und das Austesten von Dialogoptionen ohne Einfluss auf die Speicherdaten. „Neustart“ beginnt einen neuen Speicherstand von der ausgewählten Szene aus. Benutzt dieses Features, um zurückzukehren und Neues zu entdecken.

Square Enix

Wir haben also die Chance, immer wieder andere Entscheidungen zu treffen und zu schauen, wie sich diese auswirken. Wollen wir gemütlich alle Erinnerungen freischalten, ohne Daten zu überschreiben, können wir entspannt auf die Suche gehen. Ob wir die gesamte Geschichte in einem Rutsch neu erleben oder lediglich einzelne Passagen anders erleben wollen, bleibt also uns überlassen. Diese spielerische Freiheit verdient Lob.

An dieser Stelle gibt es aber auch Kritik von meiner Seite: Nachdem ich gesehen habe, was mir verwährt blieb, konnte ich nicht immer nachvollziehen, wieso das so ist. Personen, denen ich sehr geholfen habe und dir mir im Anschluss dankbar waren, schlugen sich dennoch nicht auf meine Seite oder verwährten bestimmte Reaktionen. Anscheinend hätte ich noch mehr Erinnerungen freischalten müssen, doch ist es rein von den Situationen und Dialogen, die ich führte, nicht immer ganz nachvollziehbar, was in einem solchen Spiel etwas frustrierend ist.

Nebenbei sei erwähnt, dass Deck Nine Games sogar Einrichtungsoptionen für Livestreams integriert. Selbst dabei zeigt man Detailverliebtheit, indem man die Funktion integriert, lizensierte Musik stummzuschalten. Schön, dass derlei Funktionen mit an Bord sind, gerade im Zeitalter von beliebten Livestreams. Dies passt übrigens super zur Einbindung des Internets in Life is Strange: True Colors. Somit haben Content Creator und Fans die Möglichkeit, die Geschichte im aktiven Miteinander zu erleben, cool!

Schaut euch eure Entscheidungen in Relation zu anderen Spielern aus der Community an

Charmante Acrade Games und das phänomenale LARP!

Life is Strange: True Colors bietet gleich zwei kleine Nebenbeschäftigungen in Form von Arcade Games an Spielautomaten an. Bei dem einen Spiel handelt es sich um das kultige Arkanoid, in welchem ich nicht widerstehen konnte, den vorherigen Highscore zu knacken. Der andere Titel ist ein eigens entwickeltes Spiel namens Mine Haunt. Es huldigt den früheren 8-Bit-Arkaden-Erfolgen der Vergangenheit mit einem teuflischen Easter Egg, welches hier natürlich nicht verraten wird.

Bei LARP handelt es sich um mein persönliches Highlight aus diesem Abenteuer. Spätestens an dieser Stelle sollte jeder Spieler anerkennen, dass Entwickler Deck Nine Games unfassbar viel Liebe in Life is Strange: True Colors gesteckt hat. LARP steht für „Live Action Role Playing“ – und es ist genau das: Die echte Welt wird zum Fantasie-Szenario umfunktioniert. Ein gewisser Teil von Haven Springs wird von Steph Gingrich, der Frau aus dem örtlichen Plattenladen, dazu eingeladen, an diesem sehr aufwändigen Spektakel teilzunehmen. Dazu dekorieren fleißige Helfer den Ort um, verkleiden sich als NPCs und Gegner, um Rätsel zu stellen und Herausforderungen in Kämpfen zu bieten.

Es liegt nun an Alex und ihrem kleinen Freund Ethan Harmon, den sie sehr ins Herz geschlossen hat, auf Monster- und Questjagd zu gehen. Wir finden Items, suchen wichtige Gegenstände, lösen Rätsel und stellen uns sogar gefährlichen Kämpfen, die klassisch rundenbasiert ablaufen. In dem Moment musste ich echt sehr ergriffen lachen – dieser passionierte Charme hat mich einfach überwältigt.
Es hat mich sehr beeindruckt, wie liebevoll die einzelnen Schauplätze umdekoriert und ungebaut wurden, natürlich dem Fantasie-Abenteuer perfekt angepasst.
Im Finale des LARPs legt der Entwickler noch mal eine Schippe drauf, sodass es sich wirklich wie ein anderes Spiel anfühlt, doch das solltet ihr selbst frisch erleben!

Life is Strange: True Colors und dessen toll ausgearbeitete Orte

Seid ihr ebenfalls überdrüssig, was das Marketing rund um „Open Worlds“ angeht? Ich persönlich wünsche mir wieder vermehrt den Mut zu kleineren, dafür aber liebevoller gefüllteren Spielwelten. Und genau das bekommt ihr in diesem originellen Abenteuer geboten. Orte, die mit sehr viel Liebe zum Detail entworfen sind. Wie oben beschrieben, können wir uns Gegenstände ansehen und auch Erinnerungen freischalten. Wir befinden uns mit einer Ausnahme stets in der Kleinstadt Haven Springs und in den verschiedenen Kapiteln sind sowohl teils die gleichen als auch andere Gegenstände optisch hervorgehoben. Allerdings präsentiert uns Alex oftmals andere/neue Gedanken dazu, sodass wir immer weitere Einblicke erhalten.

Jeder Ort trägt seine Geschichte nicht nur in sich, sondern präsentiert sich authentisch und interessant. Stellt euch also keine Häuser im Copy & Paste-Verfahren oder eine langweilige und detailarme Innenausstattung vor – das Gegenteil trifft zu: Überall gibt es Kleinigkeiten zu entdecken, mit und ohne Interaktionen. Wenn es ein Spiel schafft, dass man sich freiwllig länger umschaut, einfach des Interesses wegen, dann ist das ein Kompliment an die Designer der Spielwelt. Mission erfolgreich im Falle von Life is Strange: True Colors!

Eine kleine Kritik gibt es an dieser Stelle dennoch: Es existieren immer wieder einmal unsichtbare Wände und Schlauchpfade, welche die Immersion dann doch etwas trüben. Außerdem gibt es mehrere Gebäude, die nicht betretbar sind. Im Außenbereich am Bach ist mir aufgefallen, dass ein NPC nach einer Runde stets an einer Statue festhängt, dabei aber in der Laufanimation ist und es war ungewöhnlich, dass ich einen weiten Bogen um bestimmte Felsen gehen musste, da auch dort unsichtbare Wände waren. Dies wirkt etwas schlampig.

Im Großen und Ganzen finden sich hier tolle Orte mit starkem Wiedererkennungswert und einer ordentlichen Portion Charme.

Die teils grausige technische Umsetzung auf der Nintendo Switch

Auweia… Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ein Third Party-Titel mit einer Datengröße von ca. 20 GB auf der Nintendo Switch nicht all zu gut aussieht. Im Falle von Life is Strange: True Colors sind tatsächlich viele Anpassungen von Deck Nine Games vorgenommen worden.

Hier erhaltet ihr einen Überblick der Anpassungen von offizieller Seite:

• Neue Lighting-Engine, inklusive einer speziellen LightBaking-Pipeline und neuer Ansatz für Reflection Probes, Shader
und dynamische Schatten für dynamische Objekte.
o Erschaffung eines neuen Switch Lighting-Modells speziell für das Rendering von Licht auf Gesichtern.
• Vollständige Überarbeitung der Verarbeitung und des Renderns von Szenen durch die CPU zur Optimierung der
Framerate.

• Optimierung und Überarbeitung aller Charaktermodelle und Umgebungsobjekte im Spiel, um die Wiedergabetreue
beizubehalten, während die Polygon-Anzahl optimiert wird. Ein Beispiel für diese Effizienz in der Switch-Version:
o Polygon-Anzahl auf der Hauptstraße von Haven Springs von 13 Millionen auf 9 Millionen reduziert
o Polygon-Anzahl in der Verarbeitungsanlage bei der Mine von 21 Millionen auf 10 Millionen reduziert
• Überarbeitung des Blattwerks im ganzen Spiel.
• Überarbeitung der emotionalen Auren für beste Leistung und Lesbarkeit.
• Überarbeitung des Anti-Aliasing mit einer TAA-Lösung, die so optimiert wurde, dass sie so schnell und performant
wie FXAA ist.
• Überarbeitung von Post-Processing-Features mit Lösungen speziell für die Switch-Version, darunter Atmosphäre,
Lichtstrahlen, Bloom-Effekte, Schärfentiefe und der Einsatz von SSAO für Schattierung.
• Nutzung der Technik „AMD FidelityFX Super Resolution (FSR)“, wenn am TV in der Docking Station gespielt wird.
Erhöht die Performance auf 1080p.
• Die Benutzeroberfläche und Textgrößen wurden hochskaliert und angepasst, um sie für den Handheld-Modus zu
optimieren.

Anhand dieser Anpassungsliste sieht man, dass Deck Nine Games Life is Strange: True Colors ordentlich heruntergeschraubt hat, damit dieses Abenteuer auf der Nintendo Switch überhaupt läuft.
Im fertigen Produkt führt beispielsweise die massive Polygonreduzierung dazu, dass Texturen extrem detailarm aussehen und Gesichter manchmal sogar dezent gruselig. Außerdem erwarten uns bei Bereichswechseln recht lange Ladezeiten und allgemein häufiger (auch in Zwischensequenzen) nachladende Texturen. Ebenso sind häufiger Stotterer, unsaubere Kanten, insgesamt detailarme Objekte und weniger ausgereifte Licht- wie Schatteneffekte zu beobachten. Im Handheld-Modus kommen diese Defizite erwartungsgemäß noch stärker zum Tragen. Die niedrige Framerate von maximal 30fps ist vor allem bei Kameraschwenks zu bemerken.

Nichtsdestotrotz ist der Titel gut spielbar. Tatsächlich trat zumindest bei mir auch ein Gewöhnungseffekt bezüglich der eher mauen Grafik ein. Auch wenn ich nun kein Spieler bin, der Grafik als höchstes Gut ansieht, haben mich vor allem häufiger nachladende Texturen aus der Immersion rausgezogen.
Mag man Life is Strange: True Colors also einmal in Angriff nehmen, so stellt die Nintendo Switch leider deutlich die minderwertigste Erfahrung dar.
Einen Pluspunkt gibt es dann allerdings doch: Und zwar die Touchscreen-Unterstützung. Da wir sehr häufig Entscheidungen treffen müssen, ist es eine nette Spielerei, im Handeldmodus einfach mit den Fingern auf die jeweilige Option zu tippen. Eine nette Spielerei lediglich deshalb, weil ein Knopfdruck nun nicht wirklich umständlich und wahrscheinlich sogar schneller vonstattengeht.

DLC-Politik zu Life is Strange: True Colors

Bereits zum Release am 07. Dezember bot Square Enix die Deluxe Edition für 69,99 € im Nintendo eShop an. Diese enthält Das Heldenoutfit-Pack mit vier weiteren Kostümen für Alex, die von den Helden der vorherigen Teile inspiriert sind und die Zusatzgeschichte „Wavelenghts“ mit Steph Gingrich als Hauptprotagonistin ein Jahr vor den Geschehnissen rund um Alex.
Es ist möglich, das Deluxe Upgrade für 12,99 € separat zu erwerben, in welchen dann die Zusatzgeschichte und die Heldenoutfits enthalten sind.
Oder man entscheidet sich nur für das Heldenoutfit-Pack für 3,99 €.

Auch wenn man hier recht viel Auswahlmöglichkeiten für die eigenen Bedürfnisse hat, so hinterlässt diese Aufsplittung in Anbetracht der Tatsache, dass die Nintendo Switch Version später und auch technisch deutlich unschöner erschien, einen bitteren Nachgeschmack – auch, weil bereits alle Inhalte fertig entwickelt waren und man mit einem Gesamtpaket für 59,99 € einen weiteren Kaufanreiz generiert hätte.
Dies fließt nicht mit in die Bewertung von Life is Strange: True Colors ein, sollte aber Erwähnung finden. Ihr findet Informationen zu den verschiedenen Editionen auf der zugehörigen Webseite.

Nicht nur Life, sondern auch DLC-Politik ist strange

Life is Strange: True Colors – Die schöne Message dahinter

Den Entwicklern zufolge stellten sich diese bereits während der Entwicklung von Life is Strange: Before the Storm die Frage, wie Videospiele dazu dienen können, Empathie zu erkunden.
Und genau darum dreht sich das gesamte Abenteuer von Life is Strange: True ColorsEmpathie. Es handelt darum, andere Menschen in unserer Umgebung nicht direkt einfach nur zu verurteilen, sondern diese zu verstehen. Denn erst wenn wir die Gefühle und Beweggründe für Verhaltensweisen und Entscheidungen kennen, können wir einander verstehen. Darüber hinaus steigt die Chance, dem Gegenüber vertrauen oder sogar vergeben zu können. Haven Springs zelebriert das Miteinander und zeigt auf, dass das Führen von Dialogen essenziell dafür ist, friedlich und zufrieden in Gemeinschaft leben zu können – Schulterschlüsse statt Ellenbogen!

Gleichzeitig zeigt es auf, wie schwierig genau dieses ehrenvolle Unterfangen ist, denn schließlich existieren Fähigkeiten wie die von Alex in der Realität nicht. Doch sollte dies nicht entmutigen: Traut euch, auf eure Mitmenschen zuzugehen und offen zu fragen, wie sie warum fühlen und handeln, falls dies notwendig ist.

Seid keine Furie…

Das Fazit zu Life is Strange: True Colors

Pros

  • Spannende und emotionale Geschichte
  • Sympathische und tiefgründige Charaktere
  • Stimmungsvolle musikalische Untermalung
  • Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen
  • Sechs verschiedene Hauptenden
  • Extrem hoher Wiederspielwert mit viel Freiheit für Spieler
  • Lebendige und authentische Spielwelt
  • Toll ausgearbeitete Orte mit viel Liebe zum Detail
  • Das LARP ist eine phänomenale Idee
  • Einstellungen für Barrierefreiheit und Livestreams
  • Fähige Synchonsprecher
  • Lebendige Animationen machen Gefühle greifbarer
  • Motivation zur Erkundung und Entdeckung
  • Unterhaltsame Implementierung des Internets

Cons

  • Technische Umsetzung unterwältigend
  • Einige Ungereimtheiten im Spielverlauf
  • Unsichtbare Wände und kleinere Fehler mindern Immersion
  • Verpasste oder bestimmte Reaktionen bergen etwas Frustpotenzial, da nicht immer nachvollziehbar

Mit Life is Strange: True Colors hat der Entwickler Deck Nine Games ein emotionales und wunderschönes Abenteuer geschaffen, das mit erwähnten Stärken auf vielen Ebenen punkten kann. Gerade die Detailverliebtheit und die schöne Ausarbeitung der Ortschaften, Charaktere und der Narrative sowie die Präsentation über die hochwertigen Sprecher, dem fantastischen Soundtrack und die feinen Motion Capture-Aufnahmen, welche die Gefühle der Bürger von Haven Springs greifbar machen, zeigen, wie moderne Videospiele mit Fokus auf die Geschichte überzeugen können!

Wer sich von der technischen Umsetzung auf der Nintendo Switch und einigen weiteren erwähnten Mankos nicht aufhalten lässt, erwartet mit diesem Abenteuer eine atmosphärische Reise, die lange im Gedächtnis bleibt!

Das Testmuster wurde uns von Square Enix zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!


Über Justin Aengenheyster 301 Artikel
Im Jahr 1992 erschien Mortal Kombat... und ich. Wir beide sind auf unsere Weise brutal. Ich für meinen Teil fahre brutal auf Videospiele ab und beschäftige mich gnadenlos mit verschiedenen Themen, um Gleichgesinnte zu informieren. Als treues Nintendokind befasse ich mich am liebsten auch mit Nintendospielen.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*