Harvestella im Test – Eine ungewöhnliche Ernte

Am 4. November veröffentlichte Square Enix konsolenexklusiv für die Nintendo Switch mit Harvestella seinen ambitionierten Versuch, zwei grundlegend verschiedene Genres miteinander verschmelzen zu lassen. Es ist zum Teil Action-RPG und zum Teil Farming-Simulation. Der Titel ist sowohl digital im Nintendo eShop als auch im Einzelhandel (→ Amazon) erhältlich. Die digitale Variante nimmt etwa 10 GB eures Speichers in Beschlag. Zusätzlich zur Vollversion habt ihr die Gelegenheit, mithilfe einer Demo zu entscheiden, ob euch das Farming-Action-RPG zusagen könnte.

Dies ist ein Gast-Artikel von Dominik Christ, Redakteur beim Big-N-Club e.V.

Für sich alleinstehend funktionieren beide Teilaspekte gut genug, um Spaß zu machen und zumindest bei den grundlegenden Mechaniken zu überzeugen. Die wichtigste Frage ist aber, ob die Mischung aus diesen beiden völlig gegensätzlichen Gameplay-Konzepten aufgeht oder es leider bei den gut gemeinten Ambitionen bleibt.

Das Bild zeigt einen Überblick über Lethe, eine Stadt aus Harvestella.
Lethe ist der erste Halt auf eurer langen Reise

Vier Jahreszeiten und das Verderben

Harvestella spielt in einer fantasievollen Welt, welche maßgeblich von vier mächtigen Kristallen, genannt Chonomalien, beeinflusst wird. Diese lenken die Jahreszeiten und sind für das „Silentium“ verantwortlich, welches das Ende einer Jahreszeit einläutet und dafür sorgt, dass sich die Luft in einen tödlichen Staub verwandelt, der die Menschen in ihre Häuser zwingt und die Feldfrüchte verdirbt. Das ist ein altbekanntes Prozedere für die Bewohner der Welt, allerdings ist seit einiger Zeit ein Ungleichgewicht der Jahreszeiten zu vernehmen, welches auch ein ungewöhnlich langes und starkes Silentium mit sich bringt. Es ist an euch, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen.

Ganz im Stile eines traditionellen JRPGs schlüpft ihr in die Schuhe eines von Amnesie geplagten Protagonisten, dessen Geschlecht ihr frei wählen (inklusive der Option divers) und Aussehen optisch anpassen könnt.

Das Bild zeigt die auswählbaren Aussehen-Optionen des Protagonisten in Harvestella.
Der Charakter-Editor ist sehr rudimentär ausgefallen

Euch wird gleich zu Beginn eine kleine, heruntergekommene Farm überlassen, die unter eurer Regie zukünftig wieder aufblühen soll. Die gut 50 Stunden umfassende Story hält einige spannende Ideen und Ansätze, wie beispielsweise Zeitreisen, bereit. Sie bedient sich aber überwiegend aus der altbekannten JRPG-Trickkiste. Wer mit japanischen Rollenspielen im Allgemeinen oder Square Enix-Titeln im Speziellen vertraut ist, sollte bei Harvestella keine allzu großen Überraschungen erwarten. Dennoch ist die Spielwelt sehr durchdacht, glaubwürdig und schön ausgearbeitet. Schade ist aber, dass die Inszenierung recht karg ist und ohne spektakuläre Zwischensequenzen im Stile von Final Fantasy daherkommt.

Meine kleine Farm

Die beiden Gameplay-Grundpfeiler funktionieren separat voneinander betrachtet ordentlich, ohne dabei aber besonders herausragend oder revolutionär zu sein. Die eine Hälfte des Spiels ist eine waschechte Farming-Simulation und lässt sich am ehesten mit Genrevertretern wie Harvest Moon oder Rune Factory vergleichen. Dabei geht es primär darum, die eigene Farm auszubauen. Dazu gehört, Samen zu pflanzen, den Boden zu bewässern und schließlich die Früchte zu ernten. Im Hintergrund tickt dabei stetig die Uhr – die Spielzeit vergeht konstant und jeder Tag bringt nur eine begrenzte Dauer mit sich. Ist die Zeit abgelaufen, geht es zurück nach Hause zum Schlafen. Dieser Gameplay-Loop erfordert gute Planung, da ihr ständig Prioritäten setzen und entscheiden müsst, welche langfristigen Ziele ihr verfolgt und welche Aufgaben lieber unmittelbar angegangen werden sollten.

Der landwirtschaftliche Teil von Harvestella ist unterm Strich sehr einfach gehalten und erreicht nicht die Komplexität manch anderer vergleichbarer Games. Besonders zu Beginn ist die Größe der Ackerfläche eher überschaubar und das Wachstum der Pflanzen sehr rasch, wodurch eure Arbeit schnell getan ist.

Das Bild zeigt ein kleines Feld in Harvestella.
Simpel aber effektiv: Die Spielmechanik beim Farming

Um die Landwirtschaft kommt ihr übrigens nicht herum, denn es ist ein fundamentaler Bestandteil des Spiels. Für die Dungeons unerlässliche Heiltränke könnt ihr nicht etwa wie in anderen Rollenspielen in Geschäften kaufen, sondern müsst sie selbst kochen aus Zutaten, welche ihr zuvor geerntet habt. Im späteren Spielverlauf von Harvestella kommen durch Viehhaltung und dem Bau neuer landwirtschaftlicher Maschinen noch weitere Ebenen der Komplexität dazu, dennoch wird es nie zu ausufernd. Es sei auch erwähnt, dass es nicht bei der einen kleinen Farm bleiben wird. Im Laufe der Hauptquest schaltet ihr weitere Ortschaften frei, wo ihr euer landwirtschaftliches Händchen beweisen müsst.

Nebenbei habt ihr die Möglichkeit, die Dörfer zu erkunden und die leider nicht vertonten Bewohner näher kennenzulernen. Letzteres macht ihr hauptsächlich durch Nebenquests, welche an zahlreichen Ecken auf euch warten. Es handelt sich in aller Regel um nette kleine Geschichten, die erzählerisch keine neuen Maßstäbe setzen, aber charmant präsentiert sind und die märchenhafte Atmosphäre sehr gut unterstreichen.

Harvestella: das Action-RPG-Lite

Die andere Hälfte von Harvestella ist ein sehr simples Action-RPG, wobei die Betonung wirklich auf simpel liegt. Im Kern handelt es sich um ein Hack’n‘Slay mit einem sehr limitierten Kampfsystem. Es gibt einige Fähigkeiten, welche nach Verwendung erneut aufgeladen werden müssen, außerdem haben die meisten Gegner besondere Resistenzen gegenüber bestimmten Angriffstypen oder Elementen. Ihr werdet in den Kämpfen regelmäßig begleitet von einer Party, wobei ihr nur die eigene Spielfigur selbst steuert – das Team wird von der KI übernommen.

Das Bild zeigt einen Kampf in Harvestella.
Die Kämpfe bieten Hack’n’Slay-Standardkost

Darüber hinaus könnt ihr verschiedene Jobs für eure Spielfigur auswählen, welche unterschiedliche Fähigkeiten (beispielsweise magische Angriffe) mit sich bringen und sogar bis zu drei davon gleichzeitig aktivieren. Allerdings ist das bei den allermeisten Kämpfen irrelevant, da einfaches Hämmern der Tasten in der Regel zum Erfolg führt. Lediglich die vereinzelten Bosskämpfe bieten etwas Tiefgang und verlangen von euch ab, die Jobs durchdacht auszuwählen und Schwachpunkte gezielt auszunutzen. Auf Dauer aber sehr nervig an den Scharmützeln ist, dass all eure Aktionen Ausdauer verbrauchen. Diese regeneriert sich aber nur, wenn euer Charakter satt ist. Also müsst ihr dafür sorgen, regelmäßig zu essen, was irgendwann einfach nur noch lästig wird.

Die Kämpfe finden in teils recht großen Dungeons statt, welche genau wie die Dörfer und eure Farm über eine Weltkarte angesteuert werden können und oftmals euren Weg blockieren. Diese Dungeons fallen komplexer aus, als man es von dem Titel vielleicht erwarten würde. Die übersichtliche Karte ist hier ein echter Segen, wenn es darum geht, sich in den verschachtelten Labyrinthen zurecht zu finden. Außerdem ist es möglich, an vielen Stellen Abkürzungen in Form von beispielsweise Verbindungswegen zu schaffen sowie Schnellreisepunkte freizuschalten, was die erneuten Besuche deutlich angenehmer macht. Etwas ärgerlich in diesem Zusammenhang ist, dass Monster nach eurer Rückkehr respawnen und erneut bekämpft werden müssen… Immerhin können so recht schnell viele Erfahrungspunkte gesammelt werden. Denn wie in jedem vernünftigen JRPG baut ihr euren Recken auf, indem ihr die Erfahrungspunkte gegen Talente in einem genretypischen Skill-Tree eintauscht.

Fazit zu Harvestella

Pros:

  • Viel optische Abwechslung
  • Charmante Präsentation
  • Auch für Einsteiger gut geeignet

Cons:

  • Spielerisch teilweise etwas zu seicht
  • Die Kämpfe werden schnell eintönig
  • Der Zeitdruck beim Erkunden der Dungeons kann nerven

Harvestella hat Ecken und Kanten und kann bei keinem der beiden spielerischen Grundpfeiler mit den Großen des Genres mithalten, doch der Gameplaymix funktioniert erstaunlich gut. Das Spiel macht viel Spaß und weiß seine Schwächen mit einer charmanten Präsentation, abwechslungsreicher Optik und hoher Zugänglichkeit auszubügeln.

Durch den niedrig angesetzten Anspruchsgrad eignet sich Harvestella hervorragend für Neulinge der beiden Genres oder Personen, die einfach abschalten und ohne viel Ballast ein seichtes Japano-Abenteuer erleben möchten. Darüber hinaus ist der Titel auch ganz wunderbar für kleinere Sessions zwischendurch geschaffen, die in Häppchen angegangen werden können. Wer ein unterhaltsames Spiel für kalte Winterabende sucht, ist hier auf jeden Fall richtig.

Das Testmuster wurde uns von Square Enix bereitgestellt. Vielen Dank dafür!

Über Marcel Eidinger 1793 Artikel
Marcel ist im Jahr 1986 geboren, dem Jahr, wo seine Lieblings-Spielereihe ihren Ursprung hat: The Legend of Zelda. Mit seinen nun mehr als 30 Jahren Lebens- und ca. 25 Jahren Nintendo-Erfahrung versucht er euch mit Liebe und Leidenschaft auf dem Laufenden zu halten!

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