Glyph – Jump ’n‘ Run mal anders [Test]

Im Juni 2021 stieß ich im Nintendo eShop auf eine Demo, bei der ihr einen kleinen Skarabäus durch 3D-Levels hüpfen, rollen und fliegen lasst. Das Spiel hieß Glyph, fesselte mich umgehend und sorgt dafür, dass ich mir den Titel zulegte. Glyph erschien eigentlich schon im Januar 2021, doch schien das Marketing-Budget relativ gering gewesen zu sein. Zu unrecht, wie ich finde. Das Indie-Studio Bolverk Games hat hier einen unglaublich chilligen, charmanten 3D-Platformer auf die Beine gestellt.

Viel Spaß mit diesem Test.

Die Story von Glyph

Vor langer Zeit gab es das Königreich Aaru. Die Zivilisation erschuf eine gigantische Maschine, die als eine Art Wächter fungieren sollte. Blöd nur, dass die Maschine korrumpiert wurde und sich gegen das Volk gewandt hat. So ging das Königreich unter und wurde über die Jahrhunderte im Sand begraben.

Das Bild zeigt den Skarabäus Anobi aus Glyph
Anobi gibt in jedem Level einen Hinweis darauf, wo ein versteckter Schalter zu finden sein könnte

Ein kleiner Robo-Käfer namens Anobi hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, das Königreich wieder auferstehen zu lassen. Hierfür benötigt er die Hilfe des Spielers, eines kleinen Robo-Skarabäus namens Glyph. Dessen Beweglichkeit ist nützlich, um die Korruption zu beseitigen, das Königreich wieder aus dem Sand zu erheben und zu guter Letzt natürlich auch dem bösen Wächter den Garaus zu machen.

Das ist die Rahmenhandlung. Man erfährt mit jedem neuen Gebiet, welches man freischaltet, ein paar zusätzliche Informationen darüber, wie das Leben im Königreich wohl ausgesehen haben mag, aber die Story ist lediglich dazu da, den Erkundungsdrang zu wecken.

Das Gameplay

Schaffe, schaffe, Königreich baue…

Das Bild zeigt die Levelauswahl aus Glyph
Die Levelauswahl zeigt euch, was ihr bereits eingesammelt habt. Hier war ich offenbar noch nicht

So ein begrabenes Königreich rettet sich nicht von selbst, also müsst ihr als Glyph einige Aufgaben erledigen. Das Königreich ist die Oberwelt des Spiels, von der aus ihr in insgesamt 80 abwechslungsreiche Level gelangt. Doch weder die Level, noch die Oberwelt sind von Beginn an frei erkundbar. Ihr habt eine kleine Auswahl an Startgebieten, um die notwendigen Ressourcen zu sammeln, mit denen ihr weitere Level freischalten könnt. Zu sammeln gibt es reichlich in Glyph. In diesem Sinne erinnert das Gameplay schon an klassische 3D-Jump ’n‘ Runs a la Banjo & Kazooie oder den Ursprung des Genres Super Mario 64. Während es bei Nintendos Klempner noch Sterne waren, sind es hier Münzen, Skarabäen und Edelsteine.

Jeder Level hat eine variable Anzahl dieser Sammelobjekte. Es gibt jeweils 1-3 Schlüssel, die ihr benötigt, um den Ausgang des Levels zu öffnen. Mit den Münzen könnt ihr neue Level freischalten. Habt ihr alle Münzen eines Levels eingesammelt, erscheint das Skarabäus-Artefakt. Mit diesem könnt ihr die größten Herausforderungen – Zeitangriffs-Level – freischalten. Die Edelsteine wiederum sammelt ihr, um neue Gebiete auf der Oberwelt aus dem Sand zu heben. Und falls euch das alles noch nicht reicht, könnt ihr in jedem Level einen geheimen Schalter finden, der einen versteckten und oftmals äußerst knackigen Weg zu einer Avatar-Kapsel freigibt. Damit könnt ihr euer Aussehen ändern. Mal als bunte Kugel, mal mit Graffiti beschmiert oder auch mal als rollender Totenkopf, der mit Fledermausflügeln fliegt – hier findet jeder seinen Lieblingsskin (wenn er ihn denn findet).

Der Boden ist Lava

Das Bild zeigt eine tödliche rote Plattform, sowie eine hilfreiche grüne Plattform aus Glyph
Glyph kannte Red Light, Green Light, bevor Squid Game es populär machte

Ein Kinderspiel, das jeder kennt: Die Wohnung wird, sehr zum Leidwesen der anwesenden Erwachsenen, zu einem Kletterparcours über Tische, Sofas, Regale und auf dem Boden liegenden Kissen, denn alles drum herum ist Lava. Glyph nimmt diese Prämisse und entwickelt daraus einen hervorragenden Gameplay-Zyklus, auch wenn in diesem Fall der Boden aus Sand besteht.

Es gibt eine Startplattform, zu der ihr nach jedem Tod teleportiert werdet. Eure Aufgabe ist also, von Plattform zu Plattform zu manövrieren, ohne den Boden oder gefährliche rot leuchtende Platten, Stacheln oder ähnliches zu berühren. Grüne Flächen hingegen sind Sprungpads, die euch noch höher katapultieren oder euren Doppelsprung wieder aufladen, oftmals beides zugleich.

Das Spiel kommt komplett ohne Gegner aus. Lediglich eine Art Roboter trefft ihr hin und wieder an, die euch im wahrsten Sinne des Wortes wegpusten, wenn ihr ihnen zu Nahe kommt. Meist endet dies darin, dass ihr irgendwo im Aus landet, doch mit etwas Geschick könnt ihr deren Windstoß auch zu eurem Vorteil nutzen.

Höher, schneller, weiter

Ihr erlernt im Tutorial alle grundlegenden Fortbewegungsmöglichkeiten. Rollen ist die Standardbewegung. Ihr habt einen Doppelsprung, den ihr an grünen Flächen wieder aufladen könnt. Zudem könnt ihr euch mit der rechten Schultertaste in gerader Linie zum Boden zurückstoßen. Das ist hilfreich, wenn ihr präzise auf einer kleinen Plattform landen oder etwas Schwung für einen höheren Sprung sammeln wollt. Zu guter Letzt könnt ihr mit der linken Schultertaste eure Flügel ausfahren und eine gewisse Distanz gleiten. Diese Fähigkeit regeneriert jedes Mal, wenn ihr eine Plattform berührt. Außerdem könnt ihr an senkrechten Wänden hochhüpfen. Hiermit sammelt ihr ordentlich Momentum, könnt euch wirklich in die Höhe katapultieren und somit große Strecken überwinden.

Das Bild zeigt eure Figur, Glyph, fliegend
Gleiten ist eine wichtige Fähigkeit, die ihr unbedingt üben solltet

Die Physik-Engine von Glyph ist der Hauptgrund, weshalb das Spiel so viel Spaß macht. Im Gegensatz zu anderen 3D-Platformern habt ihr eben nicht nur eure Standardbewegungen und eine Million zusätzlich freischaltbare Special Moves. Ihr habt ein festes Set an Bewegungen, die ihr jedoch durch geschicktes Ausnutzen von Schwung kombinieren könnt, um blitzschnell große Distanzen punktgenau zurückzulegen. Kennt ihr den Geschwindigkeitsrausch, den ihr beim Aktivieren eines Speedboosters, beispielsweise in Mario Kart 8 Deluxe, fühlt? Genau dieses Gefühl vermittelt Glyph ständig, wenn ihr erst einmal den Bogen raus habt. Gleichzeitig habt ihr niemals das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ihr könnt jederzeit eure Figur in der Luft lenken oder bremsen. Das Momentum fühlt sich sehr natürlich an, sodass ihr bald keinen Gedanken mehr an die Steuerung verlieren werdet. Ihr werdet zu Glyph selbst.

Übung macht den Meister

Wohlgemerkt, Glyph ist kein einfaches Spiel. Eine Anzahl von einem bis fünf Totenköpfen gibt zwar eine ungefähre Idee, wie schwer das jeweilige Level sein wird, die Steuerung will jedoch auf jeden Fall geübt werden. Ihr werdet definitiv häufiger eure Figur zerschellen sehen, als euch lieb ist. Das macht jedoch nichts, denn das Spiel bestraft euch dafür nicht weiter, außer, dass ihr halt wieder an der Startposition anfangt. Alle bisher eingesammelten Münzen und Gegenstände bleiben gesammelt. Selbst wenn ihr den Level verlasst und später wieder kehrt, müsst ihr nicht ganz von vorne anfangen. Lediglich die Schlüssel müsst ihr einsammeln ohne zu sterben. Spart euch diese also, bis ihr den Level wirklich verlassen wollt.

Tatsächlich finde ich es erstaunlich, wie entspannt man im Angesicht zahlreicher Bildschirmtode bleibt. Trotz der hohen Geschwindigkeit und manch wirklich knackiger Passagen, verströmt alles an diesem Spiel eine Ruhe und Gelassenheit, die sich auf den Spieler überträgt.

Diese Ruhe ist auch spätestens dann bitter nötig, wenn man sich an den Zeitangriffs-Levels die Zähne ausbeißt. Diese bockschweren Zusatzherausforderungen geben euch ein ohnehin schon knapp bemessenes Zeitlimit für eine kurze Plattform-Strecke vor. In dieser Zeit müsst ihr drei Schlüssel sammeln und das Ziel erreichen. Schafft ihr das nur ganz knapp, erhaltet ihr für die Bronzemedaille immerhin einen Edelstein. Schafft ihr jedoch mit viel Übung, Fingerspitzengefühl und Nerven aus Draht die Goldmedaille, erhaltet ihr zum Dank für jedes Level einen Schweif. Das ist ein weiterer kosmetischer Gegenstand. Eure Spielfigur zieht nämlich bei ihren kurzen Flugpassagen eine Spur hinter sich her. Ob Schneeflocken, kleine Sternchen oder eine Blutspur, für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Die Präsentation von Glyph

Es gibt Indie-Entwickler, die wissen aus wenig dennoch viel zu machen. Die Grafik wird sicherlich keinen Blumentopf gewinnen. Einfache, strukturlose geometrische Formen bilden die Grundlage für fast alles. Doch das kühle Farbenspiel, der unaufdringliche Soundtrack und die großartige Physik-Engine ergeben ein abwechslungsreiches, entspanntes und stimmiges Gesamtbild. Der Soundtrack besteht aus chilligen Synth-Sounds, die neue Facetten hinzubekommen, sobald man alle Schlüssel des Levels eingesammelt hat. Obwohl mir kein Track einfallen würde, dessen Melodie man mit der Zeit mitsummen könnte, bleibt mir eine gute, angenehme Grundstimmung des Soundtracks im Kopf. Das ist sicherlich Teilgrund dafür, auch nach dem 87. Versuch nur kurz durchzuatmen und einfach weiter zu probieren, statt den Controller frustriert in die Ecke zu werfen.

Die Ladezeiten sind moderat. Jedes Level wird durch eine Portal-Sequenz ein- und ausgeleitet. Diese geht relativ schnell von statten. Das Spiel ist definitiv ressourcenschonend. Es sind mir keine Ruckler aufgefallen, alles lief stabil. Lediglich die Demo ist mir einmal abgestürzt.

Glyph – Das Fazit

Pros:

  • einfaches Spielprinzip mit abwechslungsreichen Levels
  • hervorragende, präzise Steuerung
  • geniales Beschleunigungsgefühl dank guter Physik-Engine
  • motivierendes Gameplay mit hohem Sammeltrieb

Cons:

  • manche Herausforderung sind wirklich hart
  • das Beschleunigungsgefühl kann bei manchen Spielern Motion Sickness hervorrufen
  • Action-Junkies ist das Spiel zu eintönig
  • magere Story

Glyph ist eine grandiose Abwechslung zu den knallbunten 3D-Hüpfern wie Yooka-Laylee und gehört in die Kategorie „Spiele, die man immer mal wieder anschmeißt, um ein paar Levels zu zocken und abzuschalten“. Die Steuerung verlernt man auch nach monatelanger Pause nicht, ähnlich wie beim Fahrradfahren. Die Präsentation ist stimmig, wenn man auch aus der Story etwas mehr hätte machen können. Ein Wort der Warnung ist jedoch angebracht – Personen, die für Motion Sickness (Übelkeitsgefühl durch zu schnelle Bewegungen um einen herum, beispielsweise bei VR-Spielen) anfällig sind, sollten vorher die Demo probieren oder sich Gameplay-Videos (wie dieses hier) dazu anschauen. Persönlich bin ich üblicherweise immun dagegen, doch nach zwei Stunden am Stück war sogar mir kurzzeitig schwindelig.

Ich kann Glyph jedem ans Herz legen, der mal einen anderen 3D-Platformer sucht und auch vor knackigen Herausforderungen nicht zurückschreckt.

Über Roger Hogh 743 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

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