Aeterna Noctis – Ihr wollt schwer, bitte sehr! [Test]

Stellt euch folgendes Szenario vor: Da sitzt eine Gruppe begeisterter Metroidvania-Fans um einen Tisch herum und zockt gemütlich vor sich hin. Sie alle kennen die gängigsten Toptitel im Schlaf und überbieten sich gerade auf Zeit dabei, wer den Pfad der Schmerzen bei Hollow Knight (→ zum Test) schneller schafft. Einhändig. Ohne hinzuschauen. „Boah, wie einfach das ist. Überhaupt keine Herausforderung! Das könnten wir bestimmt schwieriger machen!“ Alle stimmen begeistert überein. Gesagt, getan. Heraus kam Aeterna Noctis von Aeternum Game Studios, ein bockschweres, aber verdammt gutes Metroidvania.

Die Story von Aeterna Noctis

In der Eröffnungsequenz wird euch kurz erklärt, dass der allmächtige Gott Chaos das Land Aeterna erschaffen hat. Er bevölkerte das Reich, doch seine Schöpfung wandte sich schon bald gegen ihn und gegeneinander. Zur Strafe machte Chaos die Anführer der beiden Parteien unsterblich und zwang sie dazu, fortan bis in alle Ewigkeit gegeneinander zu kämpfen. Der König der Dunkelheit und die Königin des Lichts können nicht sterben. Selbst, wenn sie den jeweils anderen besiegen, stehen sie wieder auf, müssen ihre Fähigkeiten erneut erlangen und den Kampf wiederaufnehmen.

Ihr spielt den König der Dunkelheit, der gerade von der Königin des Lichtes besiegt wurde. Passenderweise leicht verärgert darüber, euch wie ein Normalsterblicher fortbewegen zu müssen, macht ihr euch auf die Jagd nach 7 Schlüssel-Items und euren Fähigkeiten.

Schaut euch die Einführungssequenz hier an:

Quelle: Offizielle Website

Während es heutzutage eher gang und gäbe ist, die Geschichte in kryptische Textfetzen überall auf der Spielwelt zu verteilen, setzt Aeterna Noctis tatsächlich auf ein paar animierte Sequenzen, viel Dialog und sogar eine japanische Sprachausgabe. Das Entwicklerstudio stammt eigentlich aus Spanien, doch da der Artstyle offenbar an Anime angelehnt ist, hat man sich wohl für diese Sprache entschieden.

Neben der Hauptstory erwarten euch immer mal wieder kleine Nebenaufgaben, die sich hervorragend in die Erkundung der Spielwelt einfügen lassen. Der weitere Verlauf der Geschichte sorgt für ein paar interessante Wendungen und bleibt spannend.

Aeterna Noctis – Das Gameplay

Aeterna Noctis ist ein Metroidvania durch und durch! Wie eingangs erwähnt scheint Hollow Knight hier das große Vorbild gewesen zu sein: Manche Gegnertypen sehen sich verdammt ähnlich und verfügen über ähnliche Angriffe, bei manchen Gebieten könnte ich schwören, diese auch in Hollow Knight durchstreift zu haben. Das Charakterdesign hingegen erinnert eher an Castlevania-Spiele. Greifen wir die einzelnen Aspekte des Spiels mal auf.

Das Bild zeigt einen Gegnertypen aus Aeterna Noctis, der genauso gut in Hollow Knight vorkommen könnte
Dieser Gegner mit Kristallstückchen im Körper wirkt fast 1:1 aus Hollow Knight kopiert

Erkundung

Was wäre ein waschechtes Metroidvania ohne eine riesige, verwinkelte Map, die ihr Stück für Stück weiter erkunden könnt, je mehr Fähigkeiten ihr freigeschaltet habt? Langweilig! Und langweilig ist euch bei Aeterna Noctis selten. Lediglich die erste Stunde, die ihr noch ohne vernünftige Fortbewegungsfähigkeiten wie Dash, Doppelsprung oder Wandsprung absolvieren müsst, zieht sich ewig in die Länge. Hier lernt ihr überhaupt die Grundmechaniken des Kampfes und erkennt schnell, dass Sprünge in diesem Spiel wirkliche Präzisionsarbeit sind.

Als erstes erlernt ihr den Dash – und ab hier wird das Spiel bereits extrem fordernd. Was ich bei manchen Sprungpassagen geflucht habe, gebe ich hier lieber nicht wieder. Aeterna Noctis richtet sich eindeutig an erfahrene Spieler mit einer hohen Frustresistenz.

Mit jeder weiteren Fähigkeit öffnen sich neue Gebiete für euch. Außerdem kommt ihr dadurch in bereits besuchten Gebieten oftmals an Seelenspiegelscherben. Sammelt ihr genügend davon, gibt es ein paar Boni wie neue Skillpunkte. Das ist ebenfalls leichter gesagt, als getan. Für einige der Scherben müsst ihr wirklich euer gesamtes Können einsetzen.

Vereinzelt – und relativ selten, möchte ich anmerken – findet ihr einen Thron. Solange ihr darauf sitzt, könnt ihr eure Skillpunkte nach Belieben zurücksetzen und neu verteilen, Juwelen ausrüsten und zwischen den jeweiligen Thronen hin und her teleportieren. Das ist auch bitter nötig, denn die Welt ist verdammt groß. Es gibt insgesamt 16 unterschiedliche Gebiete, die an den verschiedensten Punkten miteinander verbunden sind. Ich habe selten so viel Spaß bei der Erkundung einer Welt gehabt. Nicht nur ist die Anzahl an Gebieten ordentlich, sondern auch die jeweilige Größe der Gebiete.

Die wohl coolste Fähigkeit ist jedoch der Teleport-Pfeil. Euren Lichtschuss (siehe weiter unten), könnt ihr per Knopfdruck mit einem Teleportschuss austauschen. Diesen benötigt ihr zwingend für einige Plattforming-Passagen, übt den Umgang damit also besser fleißig. Wer damit jedoch geschickt umzugehen weiß, kann sich hier auch prima Vorteile im Kampf holen.

Es geht auch einfacher

Offenbar haben sich viele Spieler über die extrem hohe Schwierigkeit geäußert, woraufhin das Entwicklerteam umgehend ans Werk ging. Es wurde ein Patch veröffentlicht, welcher eine neue Schwierigkeitsstufe hinzugefügt hat.

Aeterna: Dies ist der leichtere Modus. Die Level wurden etwas überarbeitet, sodass es weniger schwere Plattforming-Passagen gibt. Der Fokus liegt hier mehr auf Kampf. Außerdem halten die Bosse weniger aus und es gibt mehr Throne.

Noctis: Hier findet ihr das ursprüngliche Spiel.

Glücklicherweise könnt ihr zwischen beiden Schwierigkeitsgraden jederzeit wechseln, ohne das Spiel neu starten zu müssen. Sehr zuvorkommend vom Team.

Das Kampfsystem

Ein nicht gerade kleiner Teil des Spiels besteht natürlich aus dem Kämpfen. Macht euch keine Hoffnung, hier weniger gefordert zu werden. Jeder Gegnertyp hat einen eigenen Angriff, den ihr erst einmal verinnerlichen müsst. Von hüpfenden Blobs über Schwert-und-Schild-tragende Untote und teleportierende Geister bis hin zu Kristallschießenden Monstern, Drachen, Robotern und Blutdämonen aus der Hölle ist alles dabei. Die Gegner halten üblicherweise mehrere Treffer aus, doch der Kampf soll sich auch lohnen. Ihr erhaltet Erfahrung, mit welcher ihr neue Perks für euren Charakter freischalten könnt. Der Fähigkeitenbaum teilt sich hierbei in Fernkampf-, Nahkampf und Blutmagie ein.

Eure Standardwaffe ist ein schnödes Schwert, mit dem ihr schnelle, aber weniger starke Schläge verteilen könnt. Das Schwert ist jedoch auch für die Fortbewegung nützlich, denn damit könnt ihr euch von Gegnern abstoßen, wenn ihr sie von Oben angreift. So könnt ihr gelegentlich Gegner austricksen, um dadurch an höhere Ebenen zu kommen.

Wenig später findet ihr eine Sense. Diese hat den praktischen Vorteil, den Gegnern mehr Blut abzuziehen und mehr Schaden zu machen. Das Blut benötigt ihr, um euch zu heilen, sowie kräftige Blutmagie-Angriffe auszuführen. Zum einen könnt ihr mit dem Blut beispielsweise euren Schwertangriff aufladen, oder mit dem Speer, den ihr später findet, eine mächtige Schockwelle hervorrufen, wenn ihr damit zu Boden rast.

Nach ein paar Stunden erhaltet ihr außerdem einen magischen Lichtschuss, mit dem ihr Schalter aktivieren und Gegnern schaden könnt. Levelt ihr dessen Zweig im Fähigkeitenbaum auf, habt ihr es definitiv gegen einige Gegner und Bosse etwas leichter (Du bist gemeint, garstiger Phoenix!) Bis zu drei Schüsse könnt ihr im Verlaufe des Spiels finden. Diese regenerieren sich später auch schnell genug, dass ihr nach Herzenslust ballern könnt.

Wer ist hier der Boss?

Nun, die Frage lässt sich ganz leicht beantworten, denn einer von beiden Kontrahenten kommt ständig für eine Revanche zurück, weil er sich eine blutige Nase geholt hat. Bosskämpfe dürfen in einem guten Metroidvania nicht fehlen. Schwierige Bosskämpfe sind gerne gesehen, doch hier kommt ein kleiner Kritikpunkt meinerseits: Die Bosse sind per se nicht allzu schwer, sie halten nur viel zu viel aus.

Das Bild zeigt, wie der Phoenix aus Aeterna Noctis gerade aus der Asche emporsteigt.
Schnabel halten, Federvieh!

Nehmen wir beispielsweise den Phoenix. Diesen trefft ihr als Boss in der Schmiede an. Ihr durchschreitet ein großes Tor und müsst drei große Ebenen nach unten springen, bis der Vogel aus der Asche aufersteht, um euch danach einzuäschern. Wer den vorherigen Satz gut durchgelesen hat, kommt wahrscheinlich zum richtigen Schluss – der Kampf hat vier Phasen! Auf jeder Ebene, die eine andere Plattformgröße hat, müsst ihr das Viech einmal besiegen. Der Aufstieg zur jeweiligen Ebene ist eine kurze Plattformeinlage, bei der ihr ebenfalls vom Phoenix angegriffen werdet, aber quasi keine Zeit habt, euch zu wehren.

Der Kampf ist zwar ziemlich gut inszeniert – Soundtrack, Angriffe, Umgebung sind absolut stimmig – aber nach dem 382. Versuch wird es langsam lästig. Denn der Boss hat eigentlich nur vier oder fünf unterschiedliche Angriffe, die sich abwechseln. Doch weil das Flattervieh in jeder Phase so extrem viel aushält, wird man doch relativ schnell mal unvorsichtig. Mein Tipp daher: skillt den verfluchten Fernkampf-Zweig. Kaum, dass ich genügend Skillpunkte zusammen hatte, um dort fast bis ganz nach oben hochzuleveln, fing ich nämlich auch an, genügend Schaden zu machen. Das Problem der Schwierigkeit liegt hier also wirklich nicht am Boss oder dessen Angriffen an sich, sondern schlicht am Balancing. Ihr macht konstant zu wenig Schaden, während der Gegner viel zu viel aushält.

Davon abgesehen sind alle Bosskämpfe packend, fordernd und manche echt klasse inszeniert.

Allgemeines

Die Steuerung ist pixelperfekt, aber gewöhnungsbedürftig. Das ist sowohl positiv, als auch negativ zu sehen. Zum einen bedeutet es, wenn ihr den Bogen erst einmal raus habt, dass ihr wirklich schnell und präzise durch die Sprungpassagen kommt und auch die Gegner jedes Mal trefft. Zum anderen bedeutet es aber auch, dass ihr am Anfang vermutlich entweder zu dicht am Gegner steht und dieser in euch hineinläuft, oder ihr ihn um wenige Pixel verfehlt, wenn dieser sich gerade von euch entfernt. Präzise Schläge wollen halt gelernt sein. Auch lernt man durch viele Fehlversuche, dass man viel höher als für diese Spiele üblich springen kann, wenn man die Taste nur lange genug gedrückt hält.

Die handgezeichnete Grafik lässt sich durchaus sehen, doch gibt es hier einen weiteren Punkt, der gewöhnungsbedürftig ist. Es gibt bildhübsche Hintergründe und viele kleine Details zu entdecken. Gleichzeitig gibt es auch ein paar Elemente im Vordergrund, beispielsweise Stalaktiten in einer Höhle, hinter denen man kurzzeitig verschwindet. Und dann gibt es eben die Spielebene mit den verschiedenen Plattformen, auf denen man präzise landen muss. Und diese Plattformen lassen sich manchmal überhaupt nicht vom Rest des Geschehens unterscheiden. Es bedarf schlichtem Trial and Error, herauszufinden, ob das nun eine Plattform ist oder nicht – und dann muss man die Augen danach offenhalten, diese Plattformen in der Umgebung zu entdecken. Eine simple sichtbare helle Umrandung oder ein etwas räumlicheres Design hätten hier viel Frust erspart.

Das Bild zeigt eine Plattformeinlage von Aeterna Noctis, bei der die Plattformen nur schwer zu erkennen sind.
Na, wer erkennt hier die Plattformen und die Stacheln im Bild?

Der Soundtrack plätschert so vor sich hin. Bis auf den Bosstrack gegen den Phoenix, den ich halt locker fünf Stunden lang gehört habe, bleiben die anderen Lieder kaum im Kopf. Ich kann nicht einmal sagen, ob die anderen Bosse den gleichen Song haben oder nicht. Leider ist der Soundtrack also nicht weiter der Rede wert.

Die Performance von Aeterna Noctis ist auf dem PC ordentlich. Die Anforderungen sind nicht hoch und das Spiel läuft bis auf wenige Framedrops flüssig. Sollte ich noch einen Code für die Switch-Version erhalten, wird die Info über dessen Performance umgehend nachgereicht.

Aeterna Noctis – Das Fazit

Pros:

  • Eine hübsche, riesige und verwinkelte Welt
  • Kämpfe sind nicht nur überflüssiges Beiwerk, sondern leveln den Charakter
  • Große Gegnervielfalt
  • Die Fortbewegung fühlt sich wirklich gut an…

Cons:

  • …wenn man sie erst einmal erlernt und gemeistert hat
  • Teilweise zu stark von anderen Genrevertretern beeinflusst
  • Gegner und Bosse halten zu viel aus, man fühlt sich konstant zu schwach
  • Langsamer Einstieg ins Spiel und zu hohe Schwierigkeitskurve

Fans von wirklich schweren Spielen und Metroidvanias können bedenkenlos zugreifen. Ihr werdet voll auf eure Kosten kommen. Andere Spieler sollten hiermit gewarnt sein: Aeterna Noctis ist ein solides Metroidvania, welches vieles richtig macht und ein paar frische Fähigkeiten implementiert. Doch es dauert zu lange, bis das Spiel wirklich in Gang kommt und die hohe allgemeine Schwierigkeit ist auch anfangs schon für viele abschreckend.

Wer sich im Netz ein wenig beliest, stößt unweigerlich auf eine Menge Kommentare von Spielern, die nach wenigen Minuten oder einer Stunde abgebrochen haben. Wer es ausprobieren möchte, der sollte mindestens die ersten fünf Stunden dran bleiben. Bis dahin solltet ihr ein paar Fähigkeiten erhalten und euch an die Schwierigkeit und Steuerung gewöhnt haben. Ab da macht das Spiel einfach Laune.

Leider merkt man an einigen Stellen zu sehr den Wunsch, dem großen Vorbild Hollow Knight nachzueifern. Es sind ein paar Mechaniken, Gegner und Events eingebaut, die einfach zu stark abgekupfert wurden. Doch alles in allem kann ich als Genre-Fan eine klare Kaufempfehlung aussprechen.

Das Testmuster wurde uns von Aeternum Game Studios zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

Über Roger Hogh 747 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

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