Die allgegenwärtige Versuchung… [Montagsmeinung]

Versuchung

Ich spiele derzeit wieder Fire Emblem: Three Houses (→ zu unserem Testbericht). Die Versuchung war zu groß, denn das Spiel ist nun schon ein paar Jahre draußen und nachdem ich für meinen ersten Durchlauf mit den goldenen Hirschen rund 80 Stunden benötigt habe, ist inzwischen genügend Gras drüber gewachsen, um alles vergessen zu haben und sich einem der anderen beiden Häuser zu widmen. Und mit „alles vergessen“ meine ich vor allem die meisten Spielmechaniken und kleinen Feinheiten, die man erst so gegen Ende des ersten Durchlaufes so richtig verstanden hat: Wie holt man sich Schüler aus anderen Klassen ins Boot? Welche Fähigkeiten sind für welchen Charakter am besten? Ist die erste Hälfte des Spiels tatsächlich gleich, egal mit welchem Haus man spielt? Selbst wenn, ich könnte es jetzt überhaupt nicht sagen.

So geht es mir mit vielen Spielen. Ich fange gerne nach einer Weile von vorne an. Also ganz von vorne. Selbst, wenn es NG+ gibt oder man von einem „Endspielstand“ anfangen kann wie bei Three Houses, finde ich, es gehört von Null begonnen. Nach den ersten paar Spielstunden beginnt die Erinnerung sich dann zu räkeln und langsam aus ihrem Loch hervorzukriechen. Dann läuft das Spiel wieder etwas schneller und automatisierter ab. Gleichzeitig streckt auch eine andere Versuchung Fühler aus:

…Du könntest doch im Netz nach Strategien und Tipps schauen…

Unendliches Wissen, unbegrenzt verfügbar

Das ist das Problem, welches ich heute einmal ansprechen möchte. Wir haben dank des Internets die Möglichkeit, zu jedem beliebigen Zeitpunkt alle Hilfe, jegliche Tipps und Tricks, alle Geheimnisse und jeden Plot mit wenigen Klicks vorgekaut zu bekommen. Dies kann sehr hilfreich sein, einem aber auch den gesamten Spielspaß verderben, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat.

Egal, welches Spiel man gerade spielt, irgendwo auf der Welt gibt es Menschen, die das Spiel länger, intensiver, zielgerichteter und optimierter gespielt haben als man selbst. Viele von diesen Gamern teilen ihr Wissen gerne mit ihren Mitmenschen, denn Gamer bilden üblicherweise eine hilfreiche Community. Darüber schrieb ich bereits an anderer Stelle.

Ich erinnere mich noch an den Release von Hellpoint (→ zu unserem Testbericht). Ich fieberte wie wild auf den Titel hin und stürzte mich kopfüber in das Spiel, versuchte alles zu erfassen, alle Geheimnisse zu entdecken und meinen Charakter auf irgendetwas zu spezialisieren. Ab einem gewissen Punkt kam ich nicht weiter, verskillte mich höllisch (!) und merkte, dass ich von vorne anfangen sollte. Ein kurzer Blick ins Internet führte mich auf das Hellpoint-Wiki, welches mir bereits wenige Tage nach Release vollständige Erklärungen zu allen Werten, Waffen, Rüstungen und diversen Items lieferte, sowie zahlreiche Builds vorschlug, mit denen man quasi gottgleich durch das Spiel stiefeln konnte.

Auch bei meinen Tests musste ich hin und wieder auf die Hilfe des Internets zurückgreifen. Da wir die Spiele selten vor Release erhalten, fangen wir gleichzeitig mit den anderen Spielern an. Doch diese haben einfach kollektiv gesehen so viel mehr Zeit als ein einzelner Tester, dass ein Blick ins Netz genügt, um sich die Tipps zu holen, mit denen man das Spiel durchspielen kann, bevor der Hype vorbei ist und sich niemand mehr den Test durchliest. Das sind Beispiele, in denen es ganz hilfreich sein kann, dass alles Wissen der Welt verfügbar ist.

Die Schattenseite der ewigen Versuchung

Wie so vieles hat dieses unendliche Wissen jedoch auch seine Schattenseiten. Die kommen dann zum Tragen, wenn ich ein Spiel einfach nur spielen und genießen möchte. So wie Dark Souls. Wer schon länger bei n-Switch-on.de mitliest, weiß, dass ich auf den Dark Souls-Hype erst aufgesprungen bin, als schon kein Hahn mehr danach gekräht hat und etliche Nachfolger draußen waren. Ich hatte trotzdem meinen Spaß…

…bis ich mich in einer entnervten Situation nach dem keineahnungwievieltausendsten Tod mal im Netz nach Tipps umgeschaut habe.

Die Tipps für Anfänger sind ja schön und gut und haben mir für einen gewissen Zeitraum geholfen. Doch neugierig, wie ich bin, wanderte ich von den Anfängertipps sehr schnell zu fortgeschrittener Lore und den stärksten Builds. Und plötzlich fühlte ich mich wie der Noob, der ich war. Davor hat mich mein Noobsein nicht gestört. Ich war stolz, mich selbst durchzufummeln, doch einmal angefangen, wird man förmlich durch die Fähigkeiten und das gesammelte Wissen der gesamten Community erschlagen.

Der Grat zwischen ich schaue kurz ein Video, wie ich über diese verdammte Brücke komme, ohne zu sterben und Wie man unbesiegbar wird in 5 Schritten ist schmaler, als man denkt. Die Versuchung lauert hinter jedem Bildschirmtod.

Die Versuchung, sich durch Tipps aus dem Netz die beste Ausrüstung zu sammeln, ist immer da. Hier ein Wirbelwind-Barbar aus Diablo 3
Wer hätte nicht gerne die beste Ausrüstung, am besten sofort und ohne Anstrengung? (Und ja, das ist nicht aus Dark Souls, ich weiß 😉 )

Und das ist schade. Natürlich habe ich mir einen komplett überpowerten Heavy-Armor-Build nachgebaut, der mit dem richtigen Schild buchstäblich keinen Schaden nimmt beim Blocken – und natürlich bin ich so auch ohne irgendwelche Barrieren zum Endboss gestiefelt und habe ihn beim ersten Versuch besiegt. Der spannendste Teil dieser Aktion war allerdings, sich die Rüstung für den Build zusammenzubauen. Danach hält er, was er verspricht: Gott-Modus. Keine Schwierigkeiten. Einfach durchspazieren, sogar ins New Game Plus 2 hinein. Erst ab da wird es langsam wieder interessanter, wenn man so lange durchhält.
Es ist so leicht, sich den Spielspaß durch diese optimierten Builds zu versauen, wenn man sich nicht zuvor lange genug selbst mit dem Spiel ausgetobt hat. Und es ist gar nicht so leicht, dieser Versuchung zu widerstehen, bei der nächsten schwierigen Stelle in einem anderen Spiel dort nicht ebenfalls nach einem Guide zu schauen.

Meine Erfahrung ist, dass ich viele Spiele genau deshalb gar nicht erst beendet habe. Ich habe mir zu sehr den Spielspaß genommen, weil ich meine Finger nicht von der Tastatur und die Augen nicht von den hilfreichen Worten der Community lassen konnte.

Eines führt zum anderen

Ich stelle hier eine gewagte These auf, aber ich denke, dass dies ein Grund ist, weshalb viele Spieler eine ganze Bibliothek voller Spiele haben, die sie nie angefangen oder nur angerissen und nie abgeschlossen haben. Viele Gamer zocken ja nicht nur selbst, sondern schauen auch gerne anderen Gamern beim Zocken zu. Natürlich bevorzugt bei Spielen, die einen selbst interessieren. Die Streamer haben jedoch oftmals kaum ein Leben abseits der digitalen Welt und sind deshalb meist auf einem ganz anderen Niveau als der Durchschnitts-Gamer. Weshalb dieser lieber jemandem zuschaut, der es kann, als es selbst zu versuchen. Die anfängliche Motivation ist da. Man kauft das Spiel, weil man wirklich Bock drauf hat, aber der Lieblings-Streamer spielt es natürlich auch und der ist schneller viel weiter als man selbst. Also verfolgt man ihn „nur noch ein bisschen“, um vielleicht für eine knifflige Passage gewappnet zu sein. Die Versuchung hat wieder zugeschlagen.

Plötzlich ist der Streamer durch, man selbst steht immer noch am Anfang… aber weiß ja nun schon alles, was kommt. Dieses „Selbstspoilern“ ist so unauffällig geschehen, dass man den Mechanismus kaum bemerkt. Plötzlich ist das Spiel dann doch nicht so wichtig – es wartet ja bereits der nächste große Titel.
Ob durch tatsächliches Anschauen von Streams und Walkthroughs oder dem Lesen von Guides und Builds, das Ergebnis ist das gleiche: Der Spieler ist zum Zuschauer degradiert worden.

Mein Appell: Haltet der Versuchung stand!

Zurück zum eingangs erwähnten Fire Emblem. Es gibt eigentlich nichts, was ich darüber lesen müsste. Ich habe es bereits einmal durchgespielt, weiß also, was mich vom Gameplay her erwartet. Ich habe einen Speedrun dazu gesehen, der sich jedoch auf das gleiche Haus bezog, welches ich damals gespielt hatte. Auch hier wurde ich nicht weiter gespoilert. Ich konnte der Versuchung dieses Mal widerstehen, mich nach „optimierten Teams“ oder den perfekten Weg umzuschauen und lege euch wirklich ans Herz, dies ebenfalls häufiger zu machen.

Spielt das Spiel. Von Anfang bis Ende. Tobt euch so richtig aus. Macht Blödsinn darin, springt von Klippen um zu sehen, was passiert, ärgert NPCs, versaut es euch mit allen Kameraden im Spiel – völlig egal. Benutzt jede Rüstung unter Sonne, Mond und Sternen und knüppelt alle Waffen zugrunde. Nichts anderes haben die Verfasser dieser Guides gemacht, bis sie auf diese speziellen Builds gekommen sind, die einfach funktionieren. Die komplett optimiert sind und das Spiel buchstäblich brechen. Es gibt immer solche Kombinationen und irgendwer wird sie definitiv immer finden. Aber das Spiel ist auch so schaffbar. Spielt das Spiel nach euren eigenen Regeln, aber spielt es selbst, statt das Spiel eines anderen zu übernehmen. Das macht eindeutig mehr Spaß und geht auch nicht so ins Geld, weil man viel länger mit einem Spiel beschäftigt ist, bevor man sich weitere kauft.

Doch wie steht ihr dazu? Zockt ihr Spiele komplett durch und findet die Dinge lieber selbst heraus oder spoilt ihr euch häufig? Macht euch das vielleicht auch gar nichts aus? Schreibt es in die Kommentare, ich freue mich auf eure Ansichten.

Über Roger Hogh 749 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

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