Spiritfarer – Helft den Seelen bei der letzten Überfahrt [Test]

Spiritfarer erschien am 18. September 2020 für PS4, PC, Xbox und Nintendo Switch. Es ist die dritte Veröffentlichung aus dem Hause Thunder Lotus Games, die auf ihrer einladenden Homepage von AAA Titeln „with an indie heart.“ schreiben. Genau an dieser Stelle würde ich gerne einen Vergleich zur Musikpresse ziehen, denn als langjähriger Leser diverser Zeitschriften fiel mir über zwei Jahrzehnte hinweg auf, dass in den meisten Magazinen bezüglich der Albumveröffentlichung einer Band immer der Zahl drei eine besondere Wichtigkeit innewohnte. Das erste Album diente irgendwie immer, damit sich eine Band als solche der Öffentlichkeit präsentieren, bzw. der Szene präsentieren konnte. Die zweite Veröffentlichung war wichtig, um den Stil weiter abzurunden und sich weiterhin zu etablieren, aber bei Album #3 klangen die Worte der Rezensenten schon wesentlich expliziter und wehe, eine hoffnungsvolle Band vergab den dritten Versuch – das hagelte dann entsprechend Kritiken.

Über drei Veröffentlichungen, bzw. Beteiligungen sind Thunder Lotus Games zwar hinaus, in ihrem Portfolio finden sich jedoch nur drei Titel, was ich zum Anlass nahm, um die Analogie zur Musik zu hervorzuheben. Und um ehrlich zu sein auch, weil ich mich auf diesen dritten offiziellen Wurf dieses Studios sehr gefreut habe.

Spiritfarer gehört für mich zu jenen Veröffentlichungen, in die ich mich binnen kürzester Zeit total verlieren konnte. Über vier Wochen lang konnte ich dieses Spiel nicht mehr aus der Hand legen. Ich war begeistert von den wunderschönen und handgezeichneten Grafiken, vom sensiblen und fesselnden Soundtrack, sowie der fesselnden Geschichte um Stella, ihren Gästen an Bord und dann kam auch noch das Lily-Update, durch das der Hintergrund zur Hauptfigur noch einmal mehr intensiviert wurde.

Das Bild zeigt eine Szene aus Spiritfarer
Jede Seele möchte bedient werden

Die Story von Spiritfarer

Charon, der Fährmann der Toten, übergibt seine würdevolle Aufgabe an Stella, der Protagonistin des Spiels. Diese segelt fortan mit ihrem Schiff auf einer fiktiven Karte durch die Gewässer, um auf den dort vorkommenden Inseln nach Ressourcen und Seelen zu suchen. Gefundene Seelen verwandeln sich auf dem Schiff in ihre Tierform und überreichen in traditioneller Weise einen Obolus an Stella (sehr wichtig für Modifikationen am Schiff). Die Aufgabe besteht nun darin, eine Beziehung zu den verstorbenen herzustellen und ihren Bedürfnisse, sowie deren letzten Wünsche zu erfüllen.

Die NPCs, ihre individuelle Art und deren Geschichten sind so liebevoll gestaltet und platziert, dass ich keineswegs an dieser Stelle jemandem etwas Vorweg nehmen möchte. Von den Aufgaben her geht es jedenfalls darum, dass Stella das ganze Spiel lang gut damit beschäftigt ist, die Fähigkeiten des Schiffes auszubauen, den Bedürfnissen ihrer Gäste an Deck nachzukommen, Ressourcen für den Ausbau des Schiffes sowie den Unterkünften zu sammeln, zu angeln, zu kaufen, zu kochen, Holz zu fällen und viele andere Crafting-Aufgaben auszuführen, die zum Vorankommen in Spiritfarer wichtig und unverzichtbar sind.

Das Hauptziel ist es, alle Inseln zu erkunden, um dort auf Seelen zu treffen, die den vorletzten Schritt in Richtung Ewigkeit gehen wollen. Angekommen an Bord, gilt es, mit allen Mittel für deren Wohl zu sorgen, bis sie sich entschlossen haben, die Immerpforte aufzusuchen.

Das Gameplay

Wie aus den letzten Sätzen ersichtlich wird, gibt es viele Bezüge zu Animal Crossing, Stardrew Valley und anderen Vertretern, die für Farming, Management und Interaktionen mit NPCs im Sinne des Beziehungsaufbaus sowie dem Erhalt von Story-relevanten (Neben-)Aufgaben stehen. Spiritfarer bietet eine stringente Story, die hauptsächlich auf einem Schiff, in regelmäßigen Abständen auch an Land oder sogar etwas ungewöhnlicheren Orten stattfindet.
Die Karte, auf der sich das ausbaufähige Schiff bewegt, muss durch Exkursionen zu Inseln freigespielt werden.
Anfänglich hält sich Stella im Hauptteil der Karte auf, da drei weitere Nebenabschnitte durch Felsen, Eis und Nebel versperrt sind. Um diese Barrieren zu passieren, braucht der Kahn erst mal einige Upgrades, die in der Werft mit den nötigen Materialien installiert werden können.

Das Spiel gibt hier das Tempo und die zu bewältigenden Aufgaben durch das Kapitänsbuch vor, was mir allerdings erst nach 20 Stunden Spielzeit aufgefallen ist (Ich habe einfach nie die Minus-Taste gedrückt…). Solch einen intuitiven Start kann ich jedoch nur weniger empfehlen, da ich nach dieser Erkenntnis erst einmal etwas Zeit benötigte, um mich innerhalb aller Haupt- und Nebenaufgaben zu orientieren.

Das Bild zeigt eine Szene aus Spiritfarer
Die Seelen haben unterschiedliche Bedürfnisse, die gestillt werden möchten

Während dieser Erkundungstouren müssen Seelen gefunden und angesprochen werden. Anschließend gehen diese ganz selbstverständlich zu dem Beiboot und warten dort auf eure Rückfahrt zum Schiff. Dort angekommen äußern diese nicht nur ihre letzten und besonderen Wünsche (Ernährung, Belustigung, Unterkunft usw.), sondern sie bringen auch pro verstorbenen jeweils ein Minispiel mit, über das Ressourcen gefarmt werden können. Die Gebiete, an denen diese Aktionen stattfinden, sind dabei auf der Karte markiert und gut erkennbar.
Sind die Gäste mental dazu bereit, bitten sie Stella, die Immerpforte aufzusuchen, um ihre letzte Reise anzutreten.

Allgemeines

Spiritfarer gilt als Adventure, was den Spielverlauf angeht und weist hohe Management-Anteile auf, wenn es um die Organisation und Verwaltung an Board geht. Beim Besuchen der Inseln besteht der größte Teil aus Jump-and-Run-Elementen. Auf ihren Reisen erlernt Stella mehrere Fähigkeiten, die ihr im weiteren Spielverlauf von Nutzen sind.
Hierbei gilt es jedoch geduldig zu sein, da diese, ebenso wie einige Erweiterungen für das Schiff, erst mit längeren zeitlichen Abständen erreicht werden können. Infolgedessen müssen gewisse Inseln auch mehrfach angefahren werden, was am Anfang zwar zeitintensiv wirkt, durch die anfallenden Aufgaben an Board jedoch ab einer gewissen Spielzeit kaum noch wahrnehmbar ist.

Im Spiel gibt es weder Gegner noch Bosse. Der Schwerpunkt liegt eindeutig beim Thema Sterben, sowie dessen Begleitung und Umgang. Die Vergangenheitsrückblicke der Seelen könnten eventuell für sensible Personen als Trigger dienen. Allerdings werden diese dabei in ihrer silhouettenhaften Darbietung immer sehr niveauvoll, respektvoll und sensibel präsentiert.

Die vielschichtigen und charismatischen Figuren laden von Beginn an direkt in dieses Spiel ein. Das ganze Setting holt den Spieler mit einladend ausgebreiteten Armen ab, damit dieser bloß so früh wie möglich erkennt, wie sehr sich das Spielen von Spiritfarer lohnen und wie sehr er dafür belohnt wird. Die Aufgaben werden teilweise von den Bewohnern der Inseln geäußert, hauptsächlich jedoch von den Gästen an Board. All dies wird dabei im Kapitänsbuch festgehalten, ebenso wie die Nebenquests und Werftaufträge.

Die Performance

Stella ist sehr flüssig zu steuern und ihre neuerworbenen Fähigkeiten funktionieren nach dem Erlernen einwandfrei, sodass auch hier die Performance flüssig ist. Das Menü zu den Ressourcen ist strukturiert und übersichtlich, außerdem gibt es ein Rezepte-Buch für die Kombüse. Das Bauplanmenü für die Erstellung der Unterkünfte und Fertigungs- und Landwirtschaftsgebäude ist überschaubar – welche Ressourcen benötige ich für welches Gebäude – und transparent in seiner Handhabung.

Das Bild zeigt die Karte von Spiritfarer
Die Karte von Spiritfarer ist sehr übersichtlich

Die Umsetzung und Anwendung der spezialisierten Bereiche (Werkstätten, Mühle usw.) sind meist selbsterklärend oder via Trial-and-Error schnell selbst zu erlernen, wobei das Zerschneiden von Holz wiederum ein echt gutes Timing erfordert (je nach Sorte). Das Steuern über die Karte funktioniert auch sehr simpel und die Inseln und deren Besonderheiten (Ladenprodukte, Schreine, Holzarten usw.) sind sehr gut und in einem kleinen Schaukasten neben der Insel aufgeführt.

Mein Fazit zu Spiritfarer

Pros:

  • Liebenswerte Figuren, die das Spiel durch ihre individuellen Geschichten interessant gestalten und vorantreiben
  • Durch das Lily-Update bekommt Stella eine individualisierte Tiefe, die zuvor etwas weniger ausgeprägt war
  • Der Humor ist wirklich gelungen und an den richtigen Stellen angesetzt
  • Die Menüs sind vorbildlich strukturiert
  • Die Ziele sind immer klar zu erkennen
  • Es gibt keinen Leerlauf, da z.B. Reisezeiten wunderbar in den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen überbrückt werden können
  • Der Soundtrack ist entweder der Begleiter im Hintergrund, der sich nie zu sehr aufdrängt und dabei doch immer die jeweilige Stimmung des Spiels repräsentiert, oder der Motivator, der in den richtigen Abschnitten auch etwas stimmungsvoller in den Vordergrund tritt
  • Seit dem Update gibt es einen Couch-Koop-Modus (den ich noch nicht getestet habe)
  • Thunder Lotus hat einen vorbildlichen Support, der Abonnenten per Emails über alle Vorhaben informiert hält, Charakter-Artbooks als PDF versendet, über die Entwicklerarbeit insgesamt informiert und noch vieles mehr. Die absolute Liebe zum eigenen Spiel, was in Spiritfarer für mich auch jederzeit spürbar ist
  • Die Todes- und Sterbethematik wird sehr positiv vermittelt und die sozial-emotionalen Werte, die hier vermittelt werden, sind absolut nachhaltig

Cons:

  • Es gibt sehr viel zu managen und dabei entsprechend viele unterschiedliche Ressourcen zu finden, deren Bestand nur durch viel Überprüfung der Bücher im Blick bleibt

Spiritfarer ist “das dritte Album” geworden und ich bin glücklich darüber, dieses reviewen zu dürfen. Der einzige Kritikpunkt, den ich hier anbringen konnte, kann man vernachlässigen, da dieses Ressourcen-Management zu solchen Spielen dazu gehört. Wer dieses Genre mag, weiß das und freut sich darüber. Ich habe das Spiel 50 Stunden am Stück gespielt, ohne dass mir auch nur eine Minute langweilig wurde oder ich etwas anderes spielen wollte. Für 24,99 € wird eine Unmenge an Content geboten und es sind noch weitere Updates in Planung (Beverly im Sommer und Jackie und Daria im Herbst 2021).

Über Manuel Korell 3 Artikel
Im Orwell-Jahr 1984 geboren, gab es ca. 1992 den klassischen Gameboy samt Super Mario und Tetris. Der Beginn der Gaming-Sozialisation war somit geebnet und wurde dank eines Amiga 2000 im darauf folgenden Jahr intensiviert. Damals wie heute besteht eine große Begeisterung für jedwede Art von Pixelverarbeitung. Ob Indie oder AAA spielt keine Rolle, solange das Spiel fesselt wird alles gleichermaßen wertschätzend gespielt und auch gerne weiter empfohlen.

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