Ender Lilies: Quietus of the Knights – solide Handwerkskunst [Test]

Ender Lilies: Quietus of the Knights der Entwickler Adglobe und Live Wire,und im Vertrieb von Binary Haze Interactive, ist ein packender Metroidvania-Soulslike-Mix, der mich für gute 20 Stunden gefesselt hat. Vertreter beider Genres gibt es inzwischen ja wie Microtransaction-Aufforderungen bei EA-Spielen. Warum der Titel dennoch aus der Masse heraussticht und er sogar in meine Top-Liste für 2021 katapultiert ist, erfahrt ihr in diesem Test.

Die Story von Ender Lilies: Quietus of the Knights

Die Story von Ender Lilies hat man als Fan von Soulslike-Titeln und Dark Fantasy schon eine Milliarde Mal gehört oder gelesen. Ihr wacht als Kind ohne Erinnerungen in einer dunklen Kammer irgendwo im Nirgendwo auf. Ein Ritter, offenbar eine Seele, die mit euch verbunden ist, erzählt euch von einem Todesregen, der alle Bewohner des Landes zu wahnsinnigen Monstern mutiert hat. Ihr seid die letzte Weißpriesterin, die gegen diesen Regen und die damit verbundene Unreinheit immun sind, und versucht nun, das Land davon zu befreien. Warum auch immer, ist ja eigentlich alles tot. Im Laufe des Spiels trefft ihr jedenfalls auf keine NPCs.

Die weitere Geschichte wird hauptsächlich über verstreute Notizen ehemaliger Weißpriesterinnen oder Beschützer und Bewohner des Landes erzählt, sowie in Rückblenden, wenn ihr einen der Bosse läutert. Quietus selbst lässt sich übrigens mit Läuterung oder Erlösung übersetzen. Damit verrät der Titel quasi gleich eine Kernmechanik des Spiels.

Auch wenn die Story an sich jetzt keinen Preis für Innovation absahnen wird, ist sie dennoch dramatisch und angenehm ins Spielgeschehen eingebaut. Manche Schicksale der verlorenen Seelen können einem schon zu Herzen gehen. Auch die insgesamt drei verschiedenen Enden des Spiels sind ansprechend und runden die Erfahrung jeweils auf ihre eigene Weise ab. Findige Spieler können alle drei Enden in einem Durchlauf erspielen, da man nach dem Ende einfach den gleichen Spielstand laden kann.

Das Gameplay

Erkundung

Ender Lilies ist ein Soulslike und Metroidvania. Beide Genres sind für ihre ausufernden, verwinkelten Gebiete bekannt, die an verschiedenen Punkten plötzliche Abkürzungen zu früheren Gegenden freischalten. Das Spiel hat diesen Punkt perfekt übernommen. Anfangs mag man noch ein wenig kopflos umherwandern, doch schon bald hat man die Nützlichkeit der Karte verstanden und weiß sich zu helfen. Vorteilhaft ist außerdem, dass die Speicherorte – in diesem Fall Ruhestätten wie Bänke, Betten, Stühle etc. – äußerst großzügig verteilt sind und man bereits nach kurzer Spielzeit beliebig zwischen ihnen Schnellreisen kann.

Das Bild zeigt die Map von Ender Lilies: Quietus of the Knights
Manche dieser Räume werde ich wohl nie vollständig abschließen…

Die Gebiete sind abwechslungs- und detailreich gestaltet. Mal seid ihr in einem Hexenwald, dann in einem zerstörten Dorf, einem Untergrundlabor oder einem Schloss. Die Karte verrät euch übrigens nicht das genaue Layout des jeweiligen Raumes, in dem ihr euch befindet, sondern markiert lediglich den Raum mit einem großen Punkt. Die „Größe“ des Raumes auf der Map verrät euch auch nicht, wie groß der Raum tatsächlich ist. Diese sind tatsächlich oftmals recht weitläufig und verwinkelt, sodass es eine Weile dauert, bis ihr ihn vollständig erkundet oder alle Ausgänge gefunden habt. In jedem Raum gibt es eines oder mehrere Geheimnisse zu entdecken. Habt ihr alles in einem Raum gefunden, wechselt die Farbe des Raumes von Blau zu Orange.

Genretypisch stoßt ihr bei eurer Expedition unweigerlich auf Sackgassen, für die ihr bestimmte Fähigkeiten benötigt, um voranzukommen. Diese erhaltet ihr durch das Besiegen des Bosses eines Gebietes und umfassen die üblichen Fähigkeiten: Doppelsprung, an Wänden festhalten, Bodenstampfer, an Laternen hangeln etc.

Apropos Bosse…

Das Kampfsystem von Ender Lilies

Gegner und Bosse

Falls ihr euch fragt, was an dem Spiel den Soulslike-Charakter ausmacht – jeder noch so kleine Kampf in Ender Lilies ist zuerst eine Herausforderung. Jedes Gebiet hat einzigartige und abwechslungsreiche Gegnertypen. Manche fliegen, manche haben einen Schild, es gibt Fern- und Nahkämpfer. Üblicherweise kratzt man erst einmal ein paar Runden ab, bis man sich an die neuen Angriffsmuster und Positionen der Gegner gewöhnt hat.

Die normalen Kämpfe sind kein Zuckerschlecken. In jedem Gebiet gibt es zusätzlich noch einen oder mehrere Minibosse. Diese sind optional und auf manche bin ich erst kurz vor Ende des Spiels gestoßen, weil man sie auch noch finden muss. Diese sind meistens größere, stärkere Versionen normaler Gegner, hinterlassen euch jedoch auch immer eine Fähigkeit, die ihr fortan ausrüsten könnt. Diese Fähigkeiten sind üblicherweise Varianten der Angriffe normaler Gegner und viele davon sind einfach nutzlos. Doch dazu gleich mehr.

Das Bild zeigt eine Kampfszene aus Ender Lilies. Hier müsst ihr Beschützerin Sigrid bekämpfen.
Beschützerin Sigrid ist der erste Miniboss, auf den ihr stoßt und als solche noch kein großes Hindernis

Hat man mit den Minibossen also noch etwas mehr zu kämpfen, legen die tatsächlichen Bosse der Gebiete noch eine ordentliche Schippe drauf. Wer sich mein Let’s Play hierzu anschaut [→ hier entlang, bitte), bemerkt, dass hier schnell mal eine Stunde für ein Boss vergehen kann, abhängig vom Skill des Spielers natürlich. Läutert ihr diese, erhaltet ihr ein wenig Hintergrundwissen über die letzten Augenblicke, bevor dieser Unreine seinen Verstand verlor, sowie eine wichtige Fähigkeit und eine neue Hauptangriffswaffe.

Haupt- und Spezialattacken

Das Bild zeigt die Auswahl der verschiedenen Haupt- und Spezialangriffe bei Ender Lilies
Dies ist die Auswahl an Fähigkeiten. Rot sind die Hauptangriffe, Braun die Spezialattacken

Das Kampfsystem von Ender Lilies basiert darauf, die Seelen der geläuterten (Mini-)Bosse einzusetzen. Ihr habt zwei Sets aus jeweils drei Angriffen, zwischen denen ihr blitzschnell mit einem Knopfdruck wechseln könnt. X, Y und A führen dann jeweils einen der Angriffe aus, mit B springt ihr. Die Hauptangriffe variieren von kurzen, schnellen Dolchstößen, über die obligatorische schwere und langsame Keule mit ordentlich Wumms, bis hin zu magischen, leicht Zielsuchenden geschossen. Mal von den Geschossen abgesehen haben diese Angriffe eine unbegrenzte Verfügbarkeit. Die magischen Geschosse sowie die Spezialattacken, die ihr durch die Minibosse erhaltet, sind nur begrenzt verfügbar und haben einen Cooldown.

Sind eure Spezialattacken verbraucht, müsst ihr entweder eine rote Blume finden, die euch ein paar Angriffe zurückgibt, oder ihr müsst euch am nächsten Ruheort wieder aufladen. Dies belebt allerdings auch alle Gegner außer den Bossen wieder. Es gibt eine riesige Auswahl an Spezialattacken, doch leider sind viele davon überflüssig. Entweder ist ihre Handhabung zu unpraktisch oder sie verfügen über zu wenig Nutzpunkte oder sie machen zu wenig Schaden für die Art von Angriff. Das gleiche trifft leider auch auf die Hauptangriffe zu. Natürlich kann jeder spielen, wie er möchte, aber ich habe lediglich vier Hauptangriffstypen verwendet und aufgelevelt.

Ja, richtig gelesen. Ihr könnt alle Angriffe durch bestimmte Materialien aufleveln, die ihr unterwegs findet. Dadurch teilen diese mehr Schaden aus und werden schneller und häufiger verfügbar. Dank der schieren Masse an ausrüstbaren Angriffen ist es unmöglich, sie alle in einem Durchlauf auf die Maximalstufe 6 zu bringen – und auch vollkommen überflüssig. Prinzipiell könnte man das ganze Spiel auch nur mit dem unsterblichen Ritter und der schwarzen Hexe Iréne durchspielen. Dauert halt nur länger.

Allgemeines

Relikte, Talismanstücke und magische Ketten

Das Bild zeigt den Reliktbildschirm.
So viele Relikte, so wenig Slots…

Eine Mechanik, die sich Ender Lilies aus Hollow Knight abgeschaut haben könnte, sind die Relikte. Überall in der Welt verteilt findet ihr Relikte. Dies sind Gegenstände, die euch einen passiven Bonus auf Gesundheit, Heilungsgeschwindigkeit oder -Anzahl, Angriff, Geschwindigkeit und Verteidigung etc. geben. Jedes Relikt belegt eine bestimmte Anzahl Plätze. Anfangs habt ihr nur drei oder vier Plätze frei, doch im Verlauf des Abenteuers findet ihr magische Ketten. Diese fügen jeweils einen weiteren Platz hinzu.

Weiterhin findet ihr ständig irgendwo Talismanstücke. Diese geben euch jeweils fünf zusätzliche Lebenspunkte. Das ist auch wichtig, denn wenn das Spiel eine Sache wirklich richtig gemacht hat, dann dass ihr als kleines schwaches Mädchen eine verdammte Glaskanone seid. Ihr werdet euch bis kurz vor Ende des Spiels in ständiger Panik vor bestimmten Attacken befinden, weil drei Treffer gerne mal den Bildschirmtod zur Folge haben.

Die Schwierigkeit mit der Schwierigkeit

Bis ca. zum letzten Drittel des Spiels seid ihr ständig überwältigt. Gegner ziehen verdammt viel ab und die paar Lebenspunkte, die man durch Talismanstücke hinzugewinnt, rechnen sich erst in der Summe. Die Bosskämpfe lassen sich wirklich sehen und sind, jeder für sich, eine Herausforderung – bis man die passenden Relikte zusammen hat. Hier liegt der Hund begraben, denn im letzten Drittel des Spiels findet man genügend Relikte, die Schaden mindern, Leben erhöhen und die Heilung verbessern, dass der Titel quasi in einen Easy-Mode wechselt, wen ihr das wünscht. Ich war jedenfalls vom Endboss zutiefst enttäuscht. Das konnte ich direkt auf die maximale Ausreizung dieses Systems zurückführen. Achtet also darauf, wie leicht oder schwer ihr es euch machen möchtet.

Es ist nicht alles neu, was glänzt

Schaut man sich ein wenig Gameplay zu Ender Lilies: Quietus of the Knights an, fallen einem schnell Ähnlichkeiten mit diversen anderen Genre-Vertretern auf. Das Gegnerdesign erinnerte mich beispielsweise umgehend an Salt and Sanctuary. Die Protagonistin Lily sieht aus wie jedes blasse Anime-Mädchen, das jemals existiert hat. Die Story hat man so schon gefühlt 100 Mal gehört. Die handgezeichneten Landschaften, so hübsch sie auch sind, gibt es ebenfalls zuhauf in ähnlichen Titeln. Das Reliktsystem erinnert an Hollow Knight und überhaupt hat man hier alles schon einmal gesehen oder gehört. Diesen Punkt hat der gute MrJamesGames – seines Zeichens befreundeter Youtuber und der einzige Mensch, der meinen vollen Namen korrekt ausgesprochen hat, ohne ihn je vorher gehört zu haben – in seinem Video-Review zu Ender Lilies noch treffender formuliert (→ gebt dem Herrn mal einen Daumen hoch von mir!).

Das Bild zeigt die Protagonistin Lily aus Ender Lilies
Hey! Ist das nicht die… Dings! Nah, du weißt schon, aus… Dingsbums da!

Aber all das Zusammengesammel ist nicht schlecht, solange es ordentlich umgesetzt wird – und das wird es! Keine Sekunde lang kam mir in diesem Spiel die Langeweile hoch. Nicht ein einziges Mal ärgerte ich mich über unfaires Balancing oder schlechte Ausführungen bekannter Gameplay-Mechaniken. Im Gegenteil: Ender Lilies fühlt sich frisch und sauber an. Ein Soulsvania, welches von einem Team hingebungsvoller Genrekenner mit Liebe zum Detail und technischer Expertise zusammengestellt wurde.

Die Performance

Die technische Seite des Spiels lässt sich ebenfalls sehen. Ender Lilies: Quietus of the Knights, ist wirklich sauber programmiert und im Voraus auf Herz und Nieren getestet worden. Das Spiel war zum Releasepunkt fertig und musste nicht mit Day-One-Patches oder ähnlichem Firlefanz korrigiert werden. Ich habe im gesamten Spiel keine Framerate-Einbrüche oder auch nur Ruckeln oder ein kurzes Stocken gemerkt. Wenn ihr das Spiel startet, startet das Spiel auch tatsächlich. Während ihr bei manchen „ersten Ladevorgängen“, wie bei Ori and the Will of the Wisps oder bei „Schnellreisen“ wie bei Skyrim euch gerne mal einen Kaffee machen könnt, lädt das Spiel beides innerhalb weniger Sekunden. Das ist für das massive Backtracking äußerst vorteilhaft und einfach wirklich gut optimiert. Es gibt quasi keine Bugs oder Glitches, Die Kämpfe fühlen sich wuchtig an und der Soundtrack passt zum Spiel, auch wenn er nicht sonderlich heraussticht. Die Hitboxen sind meistens vernünftig, doch bei zwei Gegnern ist mir aufgefallen, dass ich noch vor der eigentlichen Animation getroffen wurde. Bei einem Bosskampf ist das zwar ärgerlich, aber gut, merkt man sich halt und passt sich dementsprechend an.

Mein Fazit zu Ender Lilies: Quietus of the Knights

Pros:

  • absolut packendes Gameplay
  • eine knackige Herausforderung
  • riesige Map mit Unmengen an Secrets
  • hübsch und technisch absolut sauber

Cons:

  • zu Beginn etwas unübersichtlich und orientierungslos
  • viele der Fähigkeiten kann man einfach ignorieren
  • keine Originalität
  • mit den richtigen Relikten geht die Herausforderung verloren
Das Bild zeigt die Wertung des Spieles "Cook, Serve, Delicious! 3?!".

Ender Lilies: Quietus of the Knights ist ein hervorragendes Spiel. Es verbindet beliebte und bekannte Elemente verschiedener Genres zu einem bildhübschen, atmosphärischen und anspruchsvollen Kunstwerk, welches mich sogar dazu gebracht hat, es zu 98% durchzuspielen (von wenigen Geheimnissen und 1-2 Achievements abgesehen). Das Kampfsystem ist stimmig und macht eine Menge Spaß. Trotz der offensichtlichen Vorlagen diverser Aspekte habe ich schon lange kein so packendes Metroidvania mehr gezockt. Für Genrefans ist Ender Lilies ein Pflichtkauf. Für Neulinge in diesem Bereich ist es auf jeden Fall ein guter Einstieg, da es weder unfair, noch verbuggt oder laggy ist. Es erfindet das Rad nicht neu, aber es holt ein Maximum aus dem heraus, was bereits funktioniert und Spaß macht.

Wir danken Stride PR herzlich für die Herausgabe eines Review-Codes.

Über Roger Hogh 733 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

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