Hollow Knight – Ein unvergessliches Erlebnis [Test]

Die Überlieferung, kürzlich in einer morschen Holztruhe in einem Kellergewölbe in Heilandsnest gefunden, besagt, dass dieser Text hier keine Werbung, sondern eine Beschreibung der einmaligen Erfahrung ist, die Hollow Knight bietet.

Eine unglaublich lebendige Welt

Vielen von euch ist Hollow Knight bereits ein Begriff. Ihr habt das Spiel schon gespielt oder zumindest davon gehört. Gehört, dass es als „Dark Souls“ unter den Metroidvania-Spielen gehandelt wird. Gehört, dass es dementsprechend anspruchsvoll ist. Aber sicherlich auch gehört, wie atmosphärisch das Spiel ist.

Was mag den Helden erwarten, wenn er tiefer in die unbekannte Wildnis eindringt?

Schließt die Augen. Stellt euch vor, ihr stündet in der Mitte eines Waldes. Greift mit euren Sinnen nach den Geräuschen. Spürt die leichte Brise auf der Haut. Lauscht dem Rascheln der Blätter und der kleinen Tiere, die irgendwo durch das Dickicht schleichen. Ihr fühlt, dass euch irgendetwas beobachtet, vermutlich ein Vöglein oder ein Eichhörnchen. Ihr riecht saftiges Grün und morsche Rinde. Ihr öffnet die Augen und seht Bäume in allen Richtungen. Ihr steht an einer Kreuzung im Wald, jede Richtung lädt ein, erkundet zu werden. Nach links hin wird der Wald etwas dunkler, der Weg ist teilweise mit dornigen Ranken überwuchert. Rechts von euch plätschert ein kleiner Bach und lädt zum Ausruhen ein. Vor euch könnt ihr den Eingang zu einem alten Bunker ausmachen, dessen dicke Eisentür vor Jahren schon gewaltsam aus den Angeln gehoben wurde. Ihr habt die volle Entscheidungsfreiheit, welchen Weg ihr als nächstes erkunden möchtet.
So fühlt es sich an, durch Heilandsnest zu reisen. Jede Ecke lädt zum Bestaunen ein, jeder Grashalm möchte umgedreht werden. Wie in jedem guten Metroidvania stoßt ihr immer wieder auf Orte, die gerade außerhalb eurer Reichweite liegen und sich offenbar erst mit einer zusätzlichen Fähigkeit erreichen lassen. Mal ist es eine Kante, die knapp zu hoch für einen normalen Sprung ist, mal ein klackernder, wackelnder Boden, der anscheinend durchbrochen werden könnte, wenn man nur wüsste, wie. Es gibt diverse unterschiedliche Gebiete: Von wunderschönen überwucherten Gärten und Wegen über die einmalig eindrucksvolle Stadt der Tränen hin zu den dunkelsten und gruseligsten Ecken der Untiefen. Jedes Gebiet wird von dem wohl atemberaubendsten Soundtrack und unglaublich stimmungsvollen Geräuschen untermalt. Überall plätschert, raschelt und klackt es. Diese Welt fühlt sich einfach lebendig an.

Zote, der Mächtige, ist eigentlich der Held der Geschichte. Möchte er uns jedenfalls glauben machen

Gespräche mit Fremden

Ihr entscheidet euch, den Bach rechts von euch zu inspizieren und folgt ihm ein Stückchen flussaufwärts. In der Ferne sitzt ein älterer Herr in schmuddeligen Klamotten auf einem großen Stein und blickt gedankenversunken in das fließende Nass. Er bemerkt euer Nahen und lädt euch ein, euch zu ihm zu setzen. Ihr kommt ins Gespräch und er erzählt euch von seiner Zeit als Jäger, doch da seine Augen nicht mehr die besten sind, ist ihm der Umgang mit der Flinte zu ungewiss geworden. Ihr spürt, dass da mehr zu dieser Geschichte ist. Eine gewisse Trauer, ein tiefer Schmerz schwingt in seiner Erzählung mit. Er zögert, möchte sich öffnen, doch ihn verlässt der Mut. Der alte Mann wünscht euch einen schönen Tag und zieht seufzend von dannen.


In Heilandsnest findet ihr überall in der Welt merkwürdige, einzigartige Charaktere. Die Dialoge sind nie sehr lang und geben euch immer das Gefühl, dass jedes Wesen hier sein eigenes Kreuz zu tragen, seine eigene Geschichte zu erzählen hat. Zu keiner Zeit wird euch die Geschichte, in der ihr euch befindet, mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl in den Rachen gestopft. Ihr könnt so viel oder so wenig über das Schicksal des Ortes und den Grund eures Auftauchens herausfinden, wie ihr möchtet. Ihr findet an vielen versteckten Orten Geschichtstafeln, die nur für euch bestimmt sind und ein wenig mehr darüber preisgeben, weshalb ihr existiert, aber ihr könnt diese auch schlichtweg übersehen oder ignorieren, wenn ihr zielorientiert vorankommen wollt. Der Großteil der Dialoge ist vollkommen optional, wie auch ein Großteil des gesamten Spiels optional ist.

Eine der wenigen Stellen, an denen ihr danach wirklich erfahrt, was zur Hölle in dieser Welt schiefgelaufen ist. Äußerst eindrucksvoll geschildert, weshalb ich hier auch nichts weiter Spoilern werde

Die Freiheit der Bewegung

Stellt euch vor, ihr lernt Parkour. Am Anfang seid ihr froh, wenn ihr überhaupt ein paar Mal hintereinander hüpfen könnt, ohne sofort außer Atem zu sein. Dann lernt ihr, wie ihr präzise Sprünge abwägt, bis ihr auch diese mit Leichtigkeit absolvieren könnt. Nun versucht ihr ausgefallenere Dinge, springt Wände hoch und von hohen Kanten herunter, übt die schnelle Fortbewegung über eine waghalsige Parkour-Strecke und fühlt euch bald unaufhaltbar. Ihr seht die Welt mit völlig neuen Augen. Jede Oberfläche wird automatisch dahingehend analysiert, mit welchen Sprüngen oder Griffen ihr sie überwinden könnt, es gibt quasi kein Hindernis mehr zwischen euch und eurem Weg.


Dann ändert sich plötzlich euer soziales oder berufliches Leben und zwingt euch zu einer Pause. Nach einem Jahr entscheidet ihr euch, Parkour wieder Teil eures Lebens werden zu lassen – zu sehr vermisst ihr das Gefühl der Freiheit und der grenzenlosen Adrenalinstöße, die auf euch warten. Vielleicht habt ihr den Blick für die Umgebung nie verloren, aber schon nach den ersten paar Hüpfern merkt ihr, dass ihr euer Tempo ordentlich drosseln müsst. Ihr fühlt euch beschränkt, weil ein Körper nun einmal nicht darauf ausgelegt ist, das ewig gleiche Stärke- und Fähigkeitsniveau aufrecht zu erhalten, wenn die Umstände es nicht erfordern. Kurz: Ihr seid aus der Übung. Ihr verpatzt hier und da Sprünge, ihr schafft es kaum noch, euch irgendwo hochzuziehen und falls doch, rollt ihr euch danach keuchend auf den Rücken. 


So fühlt es sich an, wenn ihr Hollow Knight von vorne beginnt. Die Steuerung ist so natürlich, so intuitiv. Ihr kommt wahnsinnig schnell rein und mit jeder Fähigkeit fühlt ihr euch schneller, besser, überlegen. Es fühlt sich wirklich an, als steuert ihr einen Teil von euch durch diese Welt. Das Spiel arbeitet damit, lässt euch mit genug Geschick Orte erreichen, die ihr vielleicht ohne eine bestimmte Fähigkeit nicht erkunden könntet, es aber doch könnt, weil ihr die Mechanik und Bewegung des Spiels einfach komplett verinnerlicht habt. Sprungpassagen, für die ihr anfangs zehn Minuten und viele Tode gebraucht habt, passiert ihr nun ohne auch nur langsamer zu werden. Gegner, die vorher ein bedrohliches Hindernis waren, werden zu kleinen Zwischenstopps ohne größere Bedeutung und überwiegend im Vorbeigehen geplättet. Außer diesen hässlichen Fliegen, die drei Projektile gleichzeitig spucken und den Fliegen in der Kristallmine, die hat der Teufel persönlich ersonnen.
Und dann seid ihr durch oder legt das Spiel aus Frust über Boss XY beiseite und fangt irgendwann von vorne an. Ihr wisst noch genau, welche Bewegungsfähigkeiten ihr haben solltet, aber ihr könnt buchstäblich nur Laufen und Hüpfen. Ihr fühlt euch eingeschränkt, zurückgehalten, es brennt unter den Fingernägeln, weil ihr wieder frei sein wollt. Es ist nicht damit zu vergleichen, für eine kurze Zeit aus irgendeinem unsinnigen, aber Story-relevanten, Grund heraus seine gesamten Fähigkeiten zu verlieren. Es fühlt sich komplett anders an, schon weil mit dem Neubeginn auch die Erinnerung wiederkommt, welche Schwierigkeiten ihr auf euch nehmen musstet, um die Fähigkeiten überhaupt erst zu erlangen, während ihr beim temporären Verlust wisst, dass ihr nur kurz diese Passage und jenen Boss besiegen müsst, um alles wieder zu erlangen.

Meines Erachtens einer der eindrucksvollsten Kämpfe des gesamten Spiels

Eine Übung in Geduld und Ausdauer

Nachdem ich Hollow Knight vor ca. einem halben Jahr durchgespielt hatte, setzte ich mich neulich daran, den 5-Stunden-Speedrun-Erfolg freizuschalten. Ich fühlte mich kompetent genug und da der Erfolg ursprünglich für drei Stunden vorgesehen war, traute ich mir durchaus zu, das zu packen. Das ist für sich genommen schon ein Lob an das Spiel, denn normalerweise packen mich Herausforderungen dieser Art überhaupt nicht. Aber ich möchte immer und immer wieder in diese Welt eintauchen. Egal, wie oft ich die Bosse besiege, jeder Sieg fühlt sich nach einer Errungenschaft an. Jeder Bosskampf ist einzigartig in Szene gesetzt. Selbst den Bossen sieht man ihren Schmerz oder ihre grimmige Entschlossenheit an. Wenn ich an den Endboss denke, bricht mir das Herz.
Zuerst einmal riss mir aber der Geduldsfaden. Wie weiter oben beschrieben, ist die Steuerung absolut fehlerfrei. Trefft ihr den Gegner nicht oder verfehlt die Plattform, dann nur aufgrund eurer Wurstfinger oder mangelnder Kontrolle über die einzelnen Fähigkeiten. Jede Passage und jeder Boss ist schaffbar. Insgesamt musste ich den Speedrun sechs Mal aufs Neue starten. Die ersten zwei Versuche waren dazu gedacht, überhaupt wieder in die Steuerung zu kommen. Trotz des halben Jahres Pause waren die ersten paar Bosse kein Problem. Wenn man erst einmal das Angriffsmuster der Gegner verstanden hat, sind sie kein Problem mehr. So ein Kampf fühlt sich trotzdem nicht langweilig an. Eher überlegen. Man weiß, was man kann, man weiß, dass dieser Kampf unvermeidlich ist und man weiß, dass man diesen Gegner jetzt zur letzten Ruhe betten wird.

Was hab ich damals geflucht, als ich das erste Mal gegen Hornet kämpfte. Inzwischen lache ich nur noch über meine früher mangelnden Fähigkeiten

Nachdem ich also wieder mit der Steuerung vertraut war und mir die Wege soweit eingeprägt hatte, kamen die ernsteren Versuche. Die Schwierigkeit bei diesem Speedrun ist, dass man eben nicht alles an Fähigkeiten einsammelt, sondern nur das, was unbedingt nötig ist, um die jeweiligen Ziele zu erreichen. Und das ist verhältnismäßig wenig. Tatsächlich habe ich vom vorgeschlagenen Weg noch ein-zwei Abzweigungen eingebaut, um an eine weitere Fähigkeit zu kommen, ohne die ich das Spiel schlicht nicht geschafft hätte. Und dann traf ich auf einen der späteren Gegner. Hier merkte ich, welche Probleme es mit sich bringt, die Bosse nur mit einer Art Grundausstattung zu bekämpfen, während man vorher das volle Arsenal zur Verfügung hatte. Ich musste einige Strategien ändern und habe den Bosskampf quasi von Grund auf neu erlernen müssen. Danach hatte ich nicht mehr genug Zeit, den Rest zu erledigen.

Also auf zum fünten Anlauf. Wichtig ist, direkt weiterzumachen und sich nicht geschlagen zu geben. Nicht geklappt? Nicht entmutigen lassen. Dieses Spiel hat mich buchstäblich Ausdauer und Entschlossenheit gelehrt. Selten habe ich mich so gefordert gefühlt, ohne mich überfordert zu fühlen. Ja, die Bosse sind sauschwer, aber ja, sie sind machbar. Mit einem kühlen Kopf und ein paar absichtlichen Toden, um das Bewegungsmuster festzustellen, kommt man schlussendlich zum gewünschten Ergebnis. Boss tot, ihr nicht. Der Boss, an dem ich im vierten Anlauf gefühlte zwei Stunden gesessen habe, habe ich im fünten Anlauf nach drei Versuchen erledigt. Es gibt kaum ein schöneres Erfolgserlebnis, als zu beobachten, wie die Dinge, die vorher unmöglich schienen, nun leicht von der Hand gehen. Die Ziele bis zum Endboss vergingen dann problemlos… und dann brauchte ich beim Endboss eine Eeeewigkeit.
Ich hatte ihn leichter in Erinnerung gehabt. Natürlich war er leichter gewesen. Ich machte damals ja auch maximalen Schaden und konnte durch Gegner hindurchgleiten, ohne Schaden zu nehmen, was seine Hauptattacke quasi nutzlos macht. Jetzt machte ich den halben Schaden und seine Attacke schickte mich häufiger zurück auf die Bank, als ich zugeben möchte. Das Endergebnis? Fünf Stunden und 17 Minuten.


Hier tritt ein lustiges Phänomen ein. Darauf müsst ihr mal achten: Plötzlich scheint es unglaublich viele andere, wichtigere Dinge zu geben, als diesen Erfolg zu erreichen. Ich wollte bei Smash Bros. doch mit Link üben. Ein Freund hat mir gerade Mario und Rabbids ausgeliehen, das wollte ich zum zweiten Mal durchspielen. Oh, der Abwasch müsste noch gemacht werden. Meine Frau will Aufmerksamkeit. Mir juckt der Fuß. Was läuft im Fernsehen?
Ausdauernd ist, wer all das ausblenden und erneut auf „Neues Spiel“ drücken kann, egal, wie gut die Gründe doch gerade seien, es nicht zu tun, egal, wie emotional aufgewühlt (zu Deutsch: stark angepisst) man ist, das Ziel sooo knapp verfehlt zu haben und egal, wie lieb der innere Schweinehund doch ins Ohr flüstert: „Na komm, 5:17 ist doch gar nicht schlecht. Du hast es ja quasi geschafft. Es gibt keinen Grund, es noch einmal zu probieren.“
Doch! Genau diese Ausreden halten Menschen zurück, ihre Ziele zu erreichen. Genau diese Abschweifungen führen zu einem mittelmäßigen Leben. Wenn man einen 100.000€ Deal ganz knapp an die Konkurrenz verliert, dann hilft es auch nicht, sich auf die Schulter zu klopfen und zu sagen „Naja, es war ja knapp dran. Das zählt auch irgendwie“. Dir fehlen 100,000€. Das ist, was du wolltest. In diesem Fall waren es eben 17 Minuten, die zwischen mir und meinem Ziel, den 5-Stunden-Speedrun zu knacken, gestanden haben. Und diese Zähigkeit habe ich bisher viel zu selten an den Tag gelegt, was der eigentliche Grund ist, warum ich dieses Spiel so vergöttere und hier alle an meiner Erfahrung teilhaben lasse.
Dieses Spiel hat mich wachsen lassen. Hat mich zäher, entschlossener und unnachgiebiger gemacht. Etwas, dass ich prima aufs wirkliche Leben anwenden kann.

Eigentlich sollte man da nicht stehen können. Das hält fähige Spieler aber nicht davon ab

 Fazit

Die üblichen Pros und Cons finden hier keine Verwendung. Es gibt viel zu wenig, was ich an diesem Spiel kritisieren könnte, außer, dass der Schwierigkeitsgrad wirklich nicht jedermanns Sache ist und sicherlich nur wenige von euch an solchen Herausforderungen „wachsen“. Das ist eine persönliche Erfahrung, die kann man nicht vergleichen, sondern nur kommunizieren und hoffen, dass ein anderer sie ebenfalls macht.
Dieses Spiel ist nahezu perfekt. Wenn ich an das Lied „Greenpath“ denke, bekomme ich Gänsehaut und Bilder des Spiels schießen durch meinen Kopf. Das Hochgefühl über einen erledigten Boss überschwemmt mich und ich spiele sofort wieder mit dem Gedanken, durch Heilandsnest zu reisen und jeden Stein umzudrehen. Kein Spiel hat mich bisher so gefesselt und vereinnahmt und ich warte voller Spannung auf die kürzlich angekündigte Fortsetzung. Dieses Spiel wird für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben und erhält dafür von mir einen goldenen Bonuspunkt.

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Über Roger Hogh 52 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

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  1. Immersive Spielwelten [Montagsmeinung] - n-switch-on.de

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