Final Fantasy X HD Remaster – eine tragische Liebesgeschichte [Test]

Berlin, Deutschland, 2003 – Der heranwachsende Roger genießt die Freizeit nach der Schule mit ausgiebigem Spielen. Besonders Final Fantasy VIII für den Computer hat es ihm angetan. Was für eine Story. Was für eine Grafik. Stunden, Tage, Wochen – jede freie Minute fließt in dieses Spiel. Das Kampfsystem ist für ihn, der mit Rollenspielen bisher wenig am Hut hatte, aufregend und neuartig. Er wird nie müde, die Angriffe der GF aufs Neue anzufeuern. Während der Hausaufgaben levelt er sämtliche Charaktere auf Level 100, sammelt alle Zauber mehrfach auf das Maximum, um auch wirklich alle Stats auf 255 zu bekommen – nur um das Spiel dann von vorne anzufangen und das Ganze zu wiederholen.

Berlin, Deutschland, 2019 – Der mittlerweile erwachsene Roger erfährt, dass Final Fantasy X / X2 als HD Remaster auf seine heißgeliebte (und einzige) Konsole – die Nintendo Switch – kommt. Bisher hatte er beide Teile vor etlichen Jahren nur bei Freunden gesehen, mangels passender Konsole war es ihm immer vergönnt gewesen, selbst Hand an diese Spiele zu legen. Das Internet mit seinen zahlreichen Spoilern hatte ihm inzwischen zwar so ziemlich jedes Detail über Final Fantasy X verraten, aber warum nicht auch endlich in den Genuss des Spieles kommen? Mit einem guten Spiel ist es wie mit Pizza – Selber essen ist besser, als jemandem dabei zuzuschauen.

So hob er freudig die virtuelle Hand, als ihm die Möglichkeit eines Review-Codes angeboten wurde. Und die Tragödie nahm ihren Lauf.

Final Fantasy X

Fangen wir mit der Story an. Der junge Tidus ist erfolgreicher Blitzballspieler und ein Star. Eines Tages, mitten im Turnier, wird seine Stadt attackiert und er wacht 1000 Jahre in der Zukunft auf. Das Monster Sin, welches Zanarkand damals attackiert hat, wütet weiterhin in Abständen auf dem Planeten und gemeinsam mit ein paar neugewonnenen Freunden macht er sich auf, Sin zu besiegen und dabei hoffentlich wieder in seine Welt zurückzukehren.

So ziemlich das coolste Intro, das ich je gesehen habe

Soweit, so gut. Natürlich beinhaltet das Spiel eine tragische Liebesgeschichte, viele emotionale Szenen über Verlust, Neuanfang und die Entscheidung, trotz allem weiterzumachen. Die Story ist packend und das Spiel sehr linear diesbezüglich. Cutscene, Cutscene, Cutscene, dann fünf Meter laufen, Cutscene, dann ein bisschen Zeit zum Erkunden, Cutscene. Da die Grafik überarbeitet wurde, sieht das Spiel fantastisch aus. Es läuft absolut flüssig auf der Switch und macht sowohl im Handheldmodus, als auch auf größeren Bildschirmen einen guten Eindruck.

Ich freute mich also über ein storylastiges Spiel und wurde dahingehend auch nicht enttäuscht. Auch der Soundtrack ist fantastisch, wie bei fast jedem Final Fantasy-Spiel. Man hat hier die Auswahl zwischen einer Remastered Version oder den Originaltracks und kann jederzeit zwischen den beiden wechseln. Mir persönlich gefallen die Originale besser. Hinzu kommt, dass Final Fantasy X eines der ersten, wenn nicht sogar das erste, RPG mit voller Sprachvertonung war. Die Synchronsprecher machen meist einen guten Job und bringen die allgemeine Stimmung wunderbar wieder. Das Spiel fühlt sich rundum richtig an. Eine Welt, in die man wunderbar eintauchen und sich verlieben kann.

Wenn das Kampfsystem nicht wäre.

Schwirr ab, Vogel, ich will nicht mit dir spielen.

Hier beginnt eine Tragödie, von der ich vorher nichts geahnt hatte, lagen meine letzten JRPGs doch schon etliche Jahre zurück – wie mir erst bei diesem Spiel klar wurde, kann ich mich einfach nicht mehr für zufällige, rundenbasierte Kämpfe begeistern. Dafür kann das Spiel natürlich nichts, das hat einfach etwas mit meiner Entwicklung als Spieler zu tun. Das System war damals der letzte Schrei, zumal Final Fantasy X hier vieles besser gemacht hat als seine Vorgänger. Die Balken brauchen keine Ewigkeit, man kann mitten im Kampf die Kämpfer wechseln, um die besonderen Vorteile gegen die Schwächen der Gegner auszuspielen und gelevelt wird mit einem unglaublich riesigen Sphärobrett, bei dem man viele Stunden hinein investieren kann, um alles freizuspielen.

Zu meinen Glanzzeiten zockte ich solche RPGs gerne. Zwei Schritte laufen, Schwischgeräusch und ein verzerrender Bildschirm, Kampf, fünf Schritte laufen und so weiter.
Heutzutage habe ich für so etwas leider keine Geduld mehr. Nun brauche ich schnelle Action und die Option, die Gegner bereits im Vorfeld zu sehen, damit ich ihnen notfalls aus dem Weg gehen kann, wenn ich gerade lieber der Story folgen möchte. Mich werfen diese Zufallsbegegnungen völlig aus der Immersion. Ich bin auf dem Weg zum nächsten Gebiet, in Gedanken längst dabei, wie die Story sich jetzt wohl weiter entwickeln wird – „Überraschung!“ Ein Kampf. Oh, es ist ein fliegendes Element, ein schnelles Bodenmonster und ein kräftiges Bodenmonster. Wählen wir also Lulu, Tidus und Auron. Jeder gibt seinem Gegner eins auf die Mütze und weiter geht’s. Fünf Meter weiter der nächste Kampf. Statt einem kräftigen Bodenmonster gibt es dieses Mal ein vogelähnliches Vieh. Tauschen wir also Auron gegen Wakka. Kampf und weiter. Oh, noch ein Kampf – wieder die erste Aufstellung. Oh, noch ein Kampf, wieder die zweite Aufstellung…

So ausgeklügelt das Kampfsystem auch ist, so repetitiv wirkt es mit der Zeit. Speziell am Anfang ist es quasi unmöglich, ein großes Vieh mit Tidus zu plätten oder einen Vogel mit irgendjemand anderem außer Wakka (und vielleicht Lulu aufgrund ihrer Schwarzmagie) auch nur zu treffen. Dafür ist die Auswahl an Gegnern und die Abwechslung in der Aufstellung dann einfach zu gering. Kommt dann noch hinzu, dass die Biester schnell stärker werden, wobei stärker in diesem Fall vor allem mehr HP bedeutet, sodass ein Kampf nicht mehr in einer Minute, sondern in drei Minuten abgeschlossen wird, dann ist mir das zu eintönig und zehrt an meiner Geduld. Hier hätte ich mir wie für FFIX diese kleinen Cheats gewünscht, bei denen man alles MAXXED OUT hat, die Zufallskämpfe ganz ausschalten kann etc. So könnte ich die Story wie einen guten Film genießen, während engagierte Rollenspieler diese Cheats einfach links liegen lassen könnten und voll auf ihre Kosten kämen.

Kurz zusammengefasst

  • Die Story ist fantastisch. Eine der schönsten und bewegendsten Geschichten, die ich je erlebt habe
  • Der Soundtrack ist unbeschreiblich schön, egal ob Remaster oder Original
  • Das Kampfsystem ist gut, wenn auch etwas zu eintönig für meinen Geschmack
  • Gott sei Dank ist Blitzball rein optional

Final Fantasy X ist ein tolles Spiel. Gefühlt war ich eh der einzige Mensch auf dem Planeten, der das Spiel noch nie gezockt hatte. Nun kann ich mich zu den Eingeweihten zuzählen. Sollte es wider Erwarten doch noch Leute geben, die bisher noch nicht in den Genuss des Spiels gekommen sind – Schlagt zu. Meine Aversion gegen Zufallskämpfe tut der Liebe zu diesem Spiel keinen Abbruch. An X-2 traue ich mich jedoch aktuell nicht ran °_°…

Instagram
Anmeldung zum Newsletter
RSS
Über Roger Hogh 52 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*