„Dead by Daylight“ zum Mitnehmen: Gelungener Port oder misslungene Kopie?

Behavior Interactive hat mit „Dead by Daylight“ den großen Wurf gemacht. Nach der Veröffentlichung 2016 eroberte das asymmetrische Horrorspiel die Herzen der Fans und erweiterte seine Community durch die PS4 und XBox, jüngst sogar durch eine Mobil-Version für das Smartphone. Bei Höchststand sind auf der Plattform Steam bis zu 70.000 Menschen gleichzeitig am fliehen und morden. Seit dem 24. September ist „Dead by Daylight“ nun auch auf der Switch erhältlich und verspricht Jumpscares, Herzrasen und Horror für unterwegs. Ob das Spiel dabei überzeugen kann und das Versprechen auf der Switch wirklich hält oder ob der Port an Schwächen leidet, klären wir in diesem Review.

Worum geht es überhaupt?

Die Welt des Entitus ist dunkel, grausam und bisher in ihren Mysterien nicht vollständig erforscht. Einzelne, aber bruchstückhafte Tagebucheinträge von einem gewissen Benedict Baker erklären uns dennoch, dass es sich um eine übernatürliche Macht handeln muss, die in dem Nebel ihr Unwesen treibt. Der verschollene Benedict Baker hinterlässt den in dieser Welt gefangenen Überlebenden daher nur eine vage Ahnung davon, was um sie herum eigentlich vor sich geht. Tatsächlich – und mit dieser Geschichte lässt das Spiel die Spieler leider weitestgehend allein – sind die Überlebenden durch den Entitus in seine Welt entführt worden, die er vor allem aus ihren Erinnerungen formt.

Jake und Dwight reparieren einen Generator, um das rettende Ausgangstor öffnen zu können

In der sogenannten Prüfung stehen die vier Überlebenden einem Killer gegenüber, der ebenfalls unter der Kontrolle des Entitus steht und dem unaufhaltbarem Drang folgt, die Überlebenden zu töten. Je nach Charakter stehen ihm dazu verschiedene Fähigkeiten bereit. Der Entitus bezieht seine Kraft durch das Opfern der Überlebenden an einem der Opferhaken. Die Überlebenden können der Prüfung entkommen, sofern sie fünf Generatoren reparieren und den im Anschluss aktivierten Ausgang öffnen. In beiden Fällen aber – grausamer Tod oder erfolgreicher Flucht – kehren die Überlebenden nicht aus dem Nebel und den Fängen des Entitus zurück. Trotz der Flucht aus der Prüfung oder dem Tod ist das Überwinden der Gefangenschaft oder sogar die Rückkehr in die reale Welt unmöglich. Dennoch begeben sich die Überlebenden immer wieder zurück in die Prüfung in der verzweifelten Hoffnung, dass die nächste Flucht eine endgültige sein wird.

Bietet „Dead by Daylight“ aber nur das? Tatsächlich hat „Dead by Daylight“ lediglich diesen Spielmodus und bietet neben den Online-Matches als Überlebender oder Killer einen privaten Modus, in denen wir unsere Freunde abschlachten können. Das zunächst repetitiv erscheinende Spielprinzip bietet aber umfangreiche und interessante Veränderungen: So gibt es zahlreiche Karten, die immer wieder verändert erscheinen. Unsere Charaktere können wir mithilfe der verdienten Punkte immer weiter voranbringen, ihnen Talente beibringen und damit unsere Strategie anpassen. Das Potenzial für diese individuelle Anpassung reicht vom offensiven Beschützer des Teams bis zum scheinbar unsichtbaren Alleingänger. Abhängig von dem Killer, dem wir gegenüberstehen, müssen wir unsere Taktik ändern, auf seine Stärken reagieren und andere Entscheidungen treffen. Besonders das Fortschrittsystem und die Entwicklung unseres Charakters ist eine langfristige Motivation und die unzähligen Kombinationen aus Talenten und Vorteilen lassen uns als Überlebender und Killer stundenlang rumprobieren, bis wir endlich unseren eigenen Stil gefunden haben.

Trotz technischer Überzeugung bleibt Potential ungenutzt

Im ersten Eindruck fühlt sich „Dead by Daylight“ für die Switch richtig gut an. Insbesondere die Möglichkeit, das Horrorabenteuer im Bett oder unterwegs zu spielen, reizt. Es mag dem Charme der Switch geschuldet sein, dass sich der Ableger des Spiels so gut in Szene setzt – deutlich spürbar ist die physische Nähe zum Spiel und zum eigenen Charakter dennoch.

Spielerisch finden sich bei der Version für die Switch keine Unterschiede zu den anderen Plattformen. Das Spiel überzeugt mit seinem düsteren Charakter und seiner Atmosphäre und nimmt uns auch auf der Switch spürbar gefangen. Wir streifen mit unseren Überlebenden durch die dunkle Welt des Entitus auf der Suche nach Generatoren und helfenden Items, verstecken uns in Büschen und Schränken und sehnen die rettende Aktivierung der Ausgangstore herbei. Hier entfaltet die Switch und die im Handheld-Modus unmittelbare Nähe zum Spiel ihre volle Stärke. Die Grafik ist angenehm klar und detailliert und weist kaum Mängel auf. Im Vergleich zu der noch unschön anzusehenden Version auf der Gamescom hat sich das Spiel in eine gute Richtung entwickelt und die grafischen Schwächen sind beseitigt worden. Die erwartete Verschlechterung im Vergleich zur Playstation und XBox bleibt somit aus. Ebenso fälschlich hat sich die Befürchtung von nicht ausreichenden Spielerzahlen erwiesen. Die durchschnittliche Wartezeit pro Spiel liegt bei rund 1-2 Minuten pro Partie.

Die Interaktion mit der Spielwelt und den Objekten verläuft flüssig und die Eingaben fühlen sich gut an. In den meisten Fällen läuft das Spiel konstant mit 30 FPS, auch wenn aufwendige Karten oder vielfache Aktionen zur gleichen Zeit die Bildrate leicht reduzieren. Hierbei ergeben sich zwar einzelne merkliche Ruckler, die aber das Spielerlebnis nicht nachteilig beeinflussen und vereinzelt bleiben. Einzelne Grafikfehler und fehlendes Design in Objekten wie Holzkisten oder Fässern dürften in einem ersten Patch nachgereicht werden. Auch sie hinterlassen ein Fragezeichen bei Betrachtung, haben aber keinen nachteiligen Effekt auf das Spielgeschehen.

Die Jägerin ist ein Beispiel dafür, dass auf der Switch spielerisch etwas Luft nach oben ist

Dennoch beweist Behavior in Kleinigkeiten, dass sie aus der Kritik der Konsolenspieler nichts gelernt haben. So müssen wir durch das Hauptmenü und das kleinteilige Fortschrittsystem mittels Joystick-Bewegung navigieren, ein Schalten zwischen den einzelnen Buttons oder eine direkte Tastenzuweisung hätten hier Abhilfe geschafft. Auch wird der Touchscreen der Switch nicht verwendet. Eine Möglichkeit zur einfachen Auswahl von Items oder Interaktion mit der Spielwelt wurde leider nicht eingefügt. Ein Nachreichen dieser Funktion ist leider sehr unwahrscheinlich. Neben dem Touchscreen und seinem Potenzial wurde leider auch der Gyrosensor der Switch nicht berücksichtigt. Insbesondere bei auf genaues Zielen ausgelegten Killern hätte man hier ein spannendes Gameplay erzeugen können. Die mit Äxten werfende Jägerin ist ein Beispiel dafür, wie spannend die Verwendung des Gyrosensor hätte sein können – stattdessen aber verkommt sie auf den anderen Konsolen zu einem unglaublich schwierig zu bedienenden Charakter, der mit dem Controller eher Frustration auslösen kann. In der Standardbelegung der Tasten fällt außerdem die ungünstige Belegung des A-Knopfes auf, wenn wir mit diesem am Opferhaken um unser Leben kämpfen und auf unsere Rettung warten. Hier lassen sich der R-Stick und die Kamera nur schwer bedienen, sodass wir den Überblick über unsere Teammitglieder schnell verlieren. Glücklicherweise lässt sich diese Belegung aber im Menü des Spiels individuell anpassen. Gleiches gilt für die Geschwindigkeit der Kamera, die für den Killer zu Beginn etwas zu langsam erscheint.

Schönheitsfehler bei Spielständen und Erwerb

Die brennende Frage für Spieler, die bereits mit „Dead by Daylight“ vertraut waren, ob sie ihre Speicherstände und ihren Fortschritt auf die Switch übernehmen können: Nein! Damit ist es nicht möglich, das Horrorspiel „zwischendurch“ als kleine Belustigung zu spielen. Vielmehr benötigt es viele hundert Stunden, um unsere Charaktere auf die gewohnten Fähigkeiten zu bringen. Die Entscheidung von Behavior, die Übernahme der Spielstände nicht zu erlauben, erscheint in Anbetracht der neuen Spieler und dem nicht existierenden Crossplay durchaus fair. Spieler, die aber nicht bereit sind, auf ihren Fortschritt zu verzichten, könnten in dem Ableger keine Freude finden.

Auch für neue Spieler gibt es einige Einschränkungen. So ist das Spiel über die Jahre um unzählige Charaktere reicher geworden und zählt mittlerweile dreimal so viele Mitstreiter als zu Release in 2016. Die erwerbbare Version des Spiels ist sowohl Retail als auch im eShop nur mit vier Erweiterungspaketen erhältlich, die uns insgesamt Zugang zu elf Überlebenden und neun Killern gewähren. Auf Grund dieses umfangreichen Inhalts erhalten wir zwar für 39,99 Euro eine Vergünstigung, sind aber zu dieser Version des Spiels gezwungen. Die Option das Basisspiel zu erwerben und in das Spiel vorsichtig reinzuschauen, wie es auf anderen Plattformen für 19,99 Euro der Fall ist, haben wir bei der Version für die Switch nicht. Für die Liebhaber des Fallenstellers wird aber immerhin ein kleiner Anreiz geboten. So ist in dem Paket eine exklusive Maske enthalten, die auf den anderen Plattformen nicht verfügbar ist. Alle weiteren Killer und Überlebenden können wir im eShop oder dem spielinternen Shop freischalten. Wie auf den anderen Plattformen nimmt Behavior für einen Killer und Überlebenden 6,99 Euro, während ein einzelner Charakter für 5 Euro erhältlich ist.

Das erweiterte Grundspiel kommt mit einer exklusiven Maske für den Fallensteller daher

Aufgrund des Online-Spielprinzip ist außerdem der Nintendo-Onlineservice erforderlich. Die Spielstände werden aber auf den Servern von Behavior gespeichert und sind damit nicht verloren, sofern eure Mitgliedschaft vorübergehend endet.

Fazit

Pros

  • Das erfolgreiche Horrorspiel zum Mitnehmen mit einem technisch überzeugenden Port
  • Port ist auf dem neuesten Stand und erhält bald folgende Content-Updates
  • Kaum technische Abstriche im Vergleich zu anderen Konsolenversionen
  • Spielgefühl auf der Switch besonders im Handheld-Modus intensiver

Cons

  • Für erfahrene Spieler keine Möglichkeit, den Spielstand zu übernehmen
  • Erweiterte Version mit vier zusätzlichen Kapiteln zum höheren Preis aufgezwungen
  • Im Hinblick auf Gameplay ist der Touchscreen und der Gyrosensor nicht ausgenutzt worden

Wer „Dead by Daylight“ bisher nicht kannte und Interesse an einem Horrorspiel mit Aktion und Furcht, schnellen Entscheidungen und bösen Konsequenzen, dem Grad zwischen Teamplay und Egoismus und einer mysteriösen dunklen Welt hat, ist mit diesem Spiel sehr gut beraten. Der Erfolg des Spiels ergibt sich durch das recht simple aber fesselnde Spielprinzip in Verbindung mit dem tiefen Fortschrittsystem und der Möglichkeit, unseren individuellen Stil zu verfolgen. Das Spiel bietet auf der Nintendo Switch eine interessante und packende Nähe zum Charakter. Die Möglichkeit, dass Horrorabenteuer mit auf Reisen zu nehmen ist ein überzeugendes Argument gegenüber anderen Plattformen. Der Port ist darüber hinaus vollständig und auf dem Stand der anderen Plattformen. So setzt sich das Abenteuer schon im Oktober mit einem ersten Season-Pass fort, während im November der nächste Killer auf uns wartet.

Wer dagegen „Dead by Daylight“ schon gespielt hat und überlegt, ob er das Spiel auf der Switch erneut kaufen soll, muss sich mit den aufgeworfenen Fragen auseinandersetzen. Die größte und umfangreichste Frage ist dabei, ob auf den eigenen Fortschritt der anderen Plattform verzichtet werden will und ob die Liebe für den eigenen Charakter so groß ist, dass stundenlange Arbeit in den erneuten Fortschritt investiert werden. Auch der Preis ist für eine „Anschaffung für Unterwegs“ mit 40 Euro relativ hoch, auch wenn einige Erweiterungspakete enthalten sind. Ob der geliebte Charakter diesen Preis wert ist, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen.

Abzüglich des Schönheitsfehlers, dass das Potenzial der Switch in Hinblick auf Touchscreen und Gyrosensor nicht vollständig ausgenutzt wurde, hat Behavior einen erfolgreichen Port ihres Erfolgstitels vorgelegt. Das bewährte und tausende Menschen fesselnde Horrorerlebnis gibt es nun auch für die Hosentasche und macht dort in technischer und spielerischer Hinsicht eine überraschend gute Figur.

Über Niklas Dehning 3 Artikel
Ist aufgewachsen mit Nintendo, hat eine Vorliebe für Mario, Zelda und ganz besonders Yoshi. Das Set komplettiert sich durch Story-Abenteuer und Online-Competitives von Assassins Creed bis Counter Strike. Alles überflügelt von der Motivation, neue Dinge zu versuchen und Überraschungen zu entdecken.

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