Let’s Plays: wirklich eine Bereicherung für die Spieleindustrie? [Montagsmeinung]

Starten wir mal mit einem Rückblick in die gute, alte Zeit. Eigentlich bin ich mit meinem Baujahr 1997 noch etwas zu jung, um das Leben ohne Internet zu kennen. Ich stamme genau aus der Zeit, wo das alles gerade groß wurde, wo jeder ein Smartphone hatte und plötzlich alles gegoogelt werden konnte. Selbst Edward Cullen aus Twilight meinte im ersten Teil „Das kannst du googlen.“

Dennoch war es bei uns Zuhause lange normal, kein Internet zu haben. Der Button auf meinem alten Klapphandy war der Knopf in die Hölle, die einzige Spielekonsole, die wir damals besaßen, war ein NES, angeschlossen an einen Röhrenfernseher. Und ich habe es geliebt. Ne, das ist falsch, ich liebe den NES immer noch. Mein Lieblingsspiel? Boulder Dash.

Mein Vater hat Boulder Dash in meinem Alter durchgespielt. Wer es nicht kennt: In diesem Spiel ist man ein Bauarbeiter, welcher in verschiedenen Welten auf die Suche nach Diamanten geht. Insgesamt gibt es sechs Welten, welche aus jeweils vier Levels bestehen. Alle sechs Welten können insgesamt vier Mal durchgespielt werden, jeder Durchgang ist schwerer als der davor.

Jetzt fragt ihr euch beim Lesen vermutlich so langsam, warum ich euch das alles erzähle. Wen juckt schon ein Spiel, welches erstmals 1984 auf den Markt kam und das die meisten vermutlich nicht mal kennen? Weil genau dieses Spiel ein richtig gutes Beispiel ist. Denn es ist sauschwer.

Es gibt ein kleines hübsches Beiheft, wie es damals halt so üblich war, in welchem man erfährt, wie man steuert und wie man das Spiel im Einzelspielermodus und im Zweispielermodus startet. Es werden auch noch die Gegner vorgestellt und etwas Platz für die eigenen Notizen gelassen und das war es. Mehr Informationen gibt es nicht.

Der Spieler wird ohne richtige Einführung ins Abenteuer geschmissen, alles nach dem Motto „Wenn du es nicht hin bekommst, hast du es auch nicht verdient.“ Also beginnt man einfach zu spielen. Man probiert Dinge aus. Vermutlich wird man im ersten Level der ersten Welt dreimal von einem Stein erschlagen, im zweiten Level läuft man garantiert in den ersten Gegner, und im vierten Level bekommt man nicht raus, wo diese dämlichen Diamanten sind – da gibt es nämlich keine. Hat man dann doch aber die erste Welt irgendwie überstanden, ist man sehr froh, dass es einen Code gibt, mit welchem man dann zu jeder Zeit in die zweite Welt reisen kann. Speicherstände gab es damals kaum, so ging der Fortschritt aber dennoch nicht verloren.

Was hat man also früher gemacht, wenn man nicht weiterkam? Entweder man hatte die nötige Geduld und den Ideenreichtum, um es immer wieder zu versuchen, oder man gab auf. Es gab kein Internet, in welchem mehrere Komplettlösungen verfügbar waren, genauso wenig gab es Videos, die einem aufzeigten, wie man komplizierte Stellen am besten löst. Manchmal hatte man Glück, dass der beste Freund oder der Nachbar das Spiel schon durch hatte und helfen konnte, sonst waren da nicht viele Optionen.

Mir gefiel das. Ich mag das immer noch. Das ist eine der Sachen, die ich in unserer modernen Welt ein wenig vermisse. Stundenlang saßen meine Schwester, mein Vater und ich vor dem Fernseher und haben zusammen alle Level gespielt, haben selbst nach Lösungen gesucht und uns durchgekämpft. Heute noch ist Boulder Dash in meinen Top 3 der besten Spiele, die ich jemals gespielt habe. Es ist zwar „nur“ ein 8-Bit-Spiel, aber ich verbinde schöne Erinnerungen damit und diese Art von Schwierigkeit hat bis heute kein anderes Spiel mehr erreicht.

Mittlerweile ist es doch so: Man kauft ein Spiel nicht mehr einfach nur, weil einem der Titel gefällt oder weil ein Freund es empfohlen hat. Ich bin ja selbst eine von der Sorte, die erstmal alles vorher googelt, sich auf Youtube dreißig Videos dazu anschaut und sich dann am Ende darüber aufregt, dass das Spiel zu einfach und zu vorhersehbar war.

Jetzt kann also der eventuelle Interessent alles über das Objekt seiner Begierde im Internet erfahren. Bringt das überhaupt irgendwelche Vorteile mit sich? Kaum zu glauben, aber das ist mit das Beste, was einem Konzern wie Nintendo passieren kann. Und warum genau? Ja, das ist in dieser Sache die ganz große Frage.

Nintendo braucht wie jeder andere als Verkäufer tätige Konzern natürlich PR. Wenn niemand etwas über seine Spiele erfährt, dann wird sie auch niemand kaufen. Wie macht man also auf sich aufmerksam? Das bekannteste Mittel wäre wohl Werbung im Fernsehen. Wir alle schauen Fernsehen, auch wenn da eigentlich immer nur derselbe Quatsch läuft, und allen stetigen Bemühungen zum Trotz, die Werbung zu umgehen, muss man sich doch irgendwann welche ansehen. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich schon die Werbung für Super Mario Odyssey gesehen habe oder auch für Yoshi’s Crafted World. Irgendwann wird der Fernsehzuschauer es sehen, beim dritten Mal vielleicht auch endlich richtig wahrnehmen und seine Gier, es auch zu besitzen, wird wachsen.

Der andere Weg auf ein neues Game aufmerksam zu machen ist das Internet. Ich denke, gerade die junge Generation kann ohne Internet nicht mehr leben. Die meisten gehen nicht mehr in den nächsten Media Markt, um sich darüber zu informieren, was als nächstes rauskommt, sondern man googelt es eben kurz. Ich google ungefähr jede Woche mindestens einmal, wann Etrian Odissey endlich einen eigenen Teil auf der Nintendo Switch bekommt. Leider habe ich bis jetzt noch keine Neuigkeiten dazu gefunden.

Wie spricht man die Jugend heute im Internet an? Es reicht nicht mehr nur aus, ein riesiges Bild der Verpackung des Spiels irgendwo am Rand neben einem Artikel zu posten, den man eh nicht wirklich liest. Die Werbung muss ein wahrer Augenschmaus sein, man muss es uns schmackhaft machen, genau dieses eine Spiel zu kaufen. Weil es ganz anders und viel besser ist als alle Spiele vor ihm. Also werden Videos gedreht, Trailer gezeigt und es wird gewissen, großen Youtubern gestattet, einmal für ein paar Stunden reinzuspielen und ihre Erlebnisse mit der breiten Masse zu teilen. Und die breite Masse giert danach, neues zu erfahren.

Das nennt man dann Preview. Und aus den meisten Previews werden dann waschechte Let’s Plays. Was genau habe ich darunter zu verstehen? Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach und es steckt schon im Namen:

„Lass uns spielen!“

Nehmen wir zum Beispiel einmal Mario Odyssey. Ein sehr großes, weitläufiges Spiel, in welchem es viel zu entdecken gibt. Für die 100% gilt es über 900 Monde zu sammeln. Manche muss man im Rahmen der Hauptstory so oder so einsammeln, andere sind gut versteckt für Spieler mit einem sehr langen Geduldsfaden.

Einer der größten und bekanntesten deutschen Youtuber, die sich weitgehend mit Nintendo auseinandersetzen, ist Domtendo. Er hat mittlerweile über eine Millionen Follower in Deutschland, Österreich und der Schweiz und verdient sein Geld damit, jeden Tag einfach nur Videospiele zu spielen. Er spielt Mario Odyssey – mal live, mal aufgezeichnet – durch und zeigt uns alle Geheimnisse von diesem Spiel. Seine eigene Persönlichkeit und auch seine eigene Meinung fließen in jede Folge mit ein und manchmal ist es auch einfach nur lustig, ihn ausrasten zu sehen, wenn er an Stellen stirbt, wo man selbst auch schon hundert Mal gestorben ist. Das Ganze lädt er dann in mehr als 100 Parts auf Youtube hoch, jeder mit einer Länge von etwa 30 Minuten, und wir schauen es uns gerne an.

Ich mag Let’s Plays. Ich schaue sie gerne vor dem Schlafengehen, schau mir an, wie geschickt andere beim Spielen sind und Dinge machen, auf die ich erstens nicht mal im Traum gekommen wäre und zweitens, selbst wenn ich die Idee gehabt hätte, niemals hinbekommen hätte.

Und das ist die beste Sache, die Nintendo passieren kann. Tausende von Leuten werden auf das Spiel aufmerksam, sie reden darüber, tauschen sich aus und bilden sich ihre eigene Meinung. Selbst wenn die allgemeine Meinung dem Spiel gegenüber negativ ist, ist das gut für Nintendo.

Klingt zuerst vielleicht unlogisch, stimmt aber. Auch schlechte PR ist PR. Egal wie geredet wird, Hauptsache es wird geredet. Ich weiß zwar nicht mehr so genau, welches Spiel es war, aber irgendeins habe ich gekauft, weil es hieß, dass es das schlechteste Spiel aller Zeiten sei. Und ja, es war ein teures Spiel im Wert von 39,99€. Und ja, es war wirklich grässlich, genau wie alle gesagt haben. Aber nun konnte ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es grässlich war.

Für uns als Follower haben solche Let’s Plays natürlich auch Vorteile. Man kann sich das Spiel vor dem Kauf intensiv anschauen und weiß dann sicher, ob es wirklich etwas für einen ist, oder ob man doch lieber die Finger davon lassen sollte. Nur weil es ein Spiel aus dem Mario Universum ist, heißt es noch lange nicht, dass man es mögen muss. Jump’n’Run ist nicht Jump’n’Run. Ich denke es vermindert die Anzahl der Fehlkäufe. Let’s Plays sind wesentlich detaillierter als alle Trailer, die man sich anschauen kann, und aufgrund der persönlichen Note, die jeder Youtuber beim Spielen noch einbringt, wirkt das Ganze lebendiger.

Mario Odyseey habe ich mir nur deshalb gekauft, weil es Domtendo so gut gefallen hat. Die Trailer haben mich nicht so wirklich angesprochen, aber das Spiel dann wirklich in seiner gesamten Pracht zu sehen und zu merken, wie jemand Spaß hat, hat mich überzeugt. Also habe ich es gekauft. Zudem wusste ich, dass wenn ich nicht weiterkomme, ich genau weiß, wo ich die Lösungen finde.

Aber genau das ist in meinen Augen gleichzeitig das Gefährliche daran. Komme ich an einer Stelle nicht mehr weiter, probiere ich es vielleicht zwei oder drei Mal, dann bin ich genervt und gehe es googlen. Und finde direkt eine Lösung für mein Problem. Also ist es möglich, schwierige Stellen innerhalb von wenigen Minuten zu schaffen, für die ich früher auf meiner geliebten NES vermutlich mehrere Tage gebraucht hätte. Ich erinnere mich da an „The Legend of Zelda“ und die Suche nach dem achten Labyrinth. Es hat ewig gedauert, aber das war okay. Heute finde ich diesen Reiz einfach nicht mehr. Ich suche ihn aber auch nicht mehr wirklich. Man neigt dann eben doch dazu die Lösung zu googlen.

Dadurch verlieren so manche Spiele einfach ihren Reiz. Es ist wie das Ende von einem Buch zu kennen. Das kann dann noch so spannend sein, aber es fehlt eben ein gewisser Reiz. Wenn ich am Anfang schon weiß, wer im Laufe des Buches sterben wird, macht das alles einfach keinen Sinn mehr.

Für Nintendo ist das natürlich gut. Je schneller ein Spiel seinen Reiz verliert, desto schneller sucht man nach einem Neuen, welches man stattdessen spielen kann. Mehr neue Spiele bedeuten mehr Umsatz. Und mehr Umsatz bedeutet mehr Geld, und mehr Geld bedeutet einen sehr glücklichen Konzern.

So, ich habe jetzt sehr viel erzählt und geredet. Ich glaube ich sollte nochmal versuchen, dass alles etwas übersichtlicher zusammenzufassen:

Pros:

  • Genauerer Einblick in die einzelnen Spiele
  • Lösungsmöglichkeiten, wenn man wirklich mal nicht weiterkommt
  • Vorstellung von vielen verschiedenen Spielen
  • Weniger Fehlkäufe dank intensiverer Recherchemöglichkeiten

Cons:

  • Spiele werden reizlos
  • Kein richtiges Storyerlebnis mehr (man kennt oft das Ende schon)
  • Konzerne generieren noch mehr Geld

Wie denkt ihr über Let’s Plays?

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Über Caren Koch 16 Artikel
Geboren im Jahre 1997 bin ich wirklich froh darüber, mich noch ein echtes 90er-Unikat nennen zu können. Geboren und aufgewachsen bin ich im Saarland, wohne und arbeite auch immer noch hier. In meinem Job als chemisch technischer Assistent habe ich sehr viel mit Zahlen und Rechnen zu tun, das Zocken ist daher ein nette Abwechslung für mich. Meine erste Konsole war eine NES. Ich besitze auch heute noch eine und liebe sie abgöttisch. Neben der NES habe ich noch zwei Nintendo 3DS-Systeme und natürlich eine Nintendo Switch. Meistens Spiele ich Jump`n`Run und Strategiespiele, bin aber allem gegenüber offen. Was ich nicht so mag sind Horror- und Actionspiele, wobei es auch hier natürlich Ausnahmen gibt. Auf der Switch ist mein aktuelles Lieblingsspiel Monsters 2, wobei ich auch für eine Partie Overcooked 2 mit meiner Schwester immer zu haben bin.

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