Immersive Spielwelten [Montagsmeinung]

Ich stehe zwischen zwei kleinen Türmen. Vor mir befindet sich eine Brücke, auf der ein riesiger roter Drache soeben eine ganze Schar Untote gegrillt hat, die mir ans Leder wollten. So wie er ausschaut, bin ich ebenfalls Teil seiner Speisekarte, sollte ich mich nähern. Gut, geselle ich mich eben erst einmal zu Ritter Solaire und sinniere mit ihm über immersive Spielwelten, während wir die Sonne preisen.

Na, ganz allein hier?

Immersion: Was bedeutet das?

Das Wort taucht speziell in Verbindung mit Videospielen immer häufiger auf. Es kommt aus dem Englischen und lässt sich am ehesten mit „eintauchen“ oder „vertiefen“ übersetzen, doch bedeutet es eine Menge mehr als das.

Immersion ist für mich ein entscheidendes Kriterium dafür, ob und wie sehr mir ein Spiel zusagt. Es bezeichnet das Gefühl, tief in diese Welt einzutauchen und die Realität für einen Augenblick beiseite zu schieben. Es ist ein Gefühl der Lebendigkeit dieser Spielwelt. Dies umfasst oftmals die Anzahl und Aktionen der NPCs, der Flora und Fauna, die Charaktere, die Hintergrundgeschichte der Welt, die musikalische Untermalung und nicht zuletzt die Grafik.

Du schon wieder!?

Eines der besten Anzeichen dafür, dass die Spielwelt immersiv ist: man findet sich ständig erneut in diesem Spiel wieder.

Nichtsahnend stehe ich plötzlich wieder vor den Toren von Einsamkeit in Himmelsrand und sehe zu, wie die Gefährten einen Riesen vermöbeln. Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Gerade eben noch spielte ich irgendein anderes, offensichtlich weniger fesselndes Spiel, dessen Belanglosigkeit mich sogar dessen Namen vergessen lässt. Da springt mir eine warme, vertraute Erinnerung ins Gedächtnis – ein Gefühl von Regen auf der Haut, während ich durch Himmelsrand schreite und dem atmosphärischen, unaufdringlich einprägsamen Soundtrack lausche.

In immersiven Spielwelten wie Himmelsrand könnte ich stundenlang einfach nur bei Regen im Wald oder auf einem Berg stehen und mir die Kulisse anschauen und hätte dennoch nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben.

Oder nehmen wir Heilandsnest aus Hollow Knight. Diese Welt fühlt sich lebendig an. Überall raschelt es im Hintergrund. Man kann immer wieder neue Orte entdecken, die einem bruchstückhaft etwas über die Geschichte der Welt preisgeben. Man findet die NPCs an den unterschiedlichsten Plätzen wieder, wo sie uns ihre lebendigen Erfahrungen schildern.

Skyrim ist für mich ein Spiel, in das ich immer wieder eintauchen möchte – und auch tue. Mir egal, wie oft ich die ganzen Quests schon durchgespielt habe oder wie viele hundert Mal ich mir vorgenommen habe, einen anderen Charakter als einen schleichenden Bogenschützen zu erstellen – beide Dinge werden sich unweigerlich in unregelmäßigen Abständen wiederholen.

Immersive Spielwelten: Wie wichtig ist die Grafik?

Das halte ich für Geschmackssache. Die Welt von Hollow Knight ist in buntem Comicstil gehalten und fühlt sich dennoch greifbar und echt an. Bei einem Spiel wie The Witcher 3 ist es natürlich einfacher, sich versinken zu lassen. The Legend of Zelda: Breath of the Wild liegt mit seinem Cel-Shading Look genau dazwischen und fühlt sich trotzdem hervorragend an. Hier ist es hauptsächlich die Physik-Engine, die dazu beiträgt, ein Gefühl des Realismus zu vermitteln. Man trifft eigentlich nur selten auf Gegner oder NPCs und trotzdem wandert man einfach gerne herum und „will nur mal gucken, was da hinter dem Horizont auf einen wartet“.

Es sind übrigens nicht nur Open-World Titel, die eine immersive Spielwelt liefern können. Es gibt in den meisten Genres gute Vertreter, die einfach wissen, wie man eine lebendige Welt erschafft.

Ein interessantes Beispiel ist z.B. Children of Morta. Man kann die Umgebung des Berges Morta überhaupt nicht erkunden, sondern ist auf die jeweiligen Dungeons im Keller des Hauses fixiert, dennoch fühlt man sich rein aus den Erzählungen der einzelnen Charaktere und der kurzen Zwischensequenzen mit dieser Familie und dem Schicksal der Welt verbunden.

So sitze ich hier…

—und genieße den Anblick von Lordran. Es ist das erste Mal, dass ich Dark Souls spiele. Jahrelang habe ich es vor mir hergeschoben. Anfangs hatte ich noch die gute Ausrede, ich hätte keinen vernünftigen Rechner zum Spielen. Doch mit Herausgabe des Spieles auf der Switch zählte das nicht mehr. Eine Weile konnte ich mich herausreden, indem ich auf den Schwierigkeitsgrad oder die melancholisch-düstere Stimmung des Spieles verwies, doch unser lieber Justin sah durch meinen Bullshit hindurch und schickte mir das Spiel kurzerhand zu. Der wahre Grund war nämlich, dass ich nur zu gut wusste, wie viele Stunden ich in dieser Spielwelt verbringen würde. Sie ist exakt nach meinem Geschmack: Eine riesige, verwinkelte Welt zum Erkunden; verstreute NPCs mit kryptischen Botschaften; ganze Büchereien voller Lore, die entdeckt und verschlungen werden möchte – und zu guter Letzt ein Charakter, bei dem der Skill des Spielers entscheidender ist als die Skillpunkte, die er verteilt.

immersive Spielwelten debeste Bild Preiset die Sonne!
Das Bild gehört der FB-Seite debeste.

In welch immersive Spielwelten verschlägt es euch am liebsten?

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Über Roger Hogh 52 Artikel
Baujahr 1987, begann bereits als Zwerg mit einem Sega Master System II zu zocken, der einzigen Nicht-Nintendo-Konsole, die er je besessen hat. Begeisterter Fan von guten Metroidvanias und The Legend of Zelda. Überwiegend Einzelspieler, aber man findet ihn gerne mal bei einer Runde Smash Bros, natürlich als Link.

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